» Musik

Einspruch!

FRANKFURT (4. Oktober 2026). Johann Sebastian Bach hatte in seinem Leben sicherlich so manche Last zu tragen und genügend Grund, sich zu grämen: Nicht nur, dass ihm beruflich so mancher Knüppel zwischen die Beine geworfen wurde – er musste den Tod von elf seiner 20 Kinder und den seiner ersten Frau beklagen! Insofern ist ein Konzertprogramm mit dem Titel „Wenn Bach trauert“ schon per se von Interesse, zumal in diesem Zusammenhang sechs seiner wundervollen Motetten erklingen.

Das Motto kommt nicht von ungefähr: Es war 2021 auch Thema der Promotion von Dr. Meinolf Brüser an der Berliner Humboldt-Universität. Darin versucht er zu beweisen, dass Bachs Motetten keinesfalls bürgerliche Auftrags- und Gelegenheitswerke waren, sondern aus konkreten und persönlichen Trauererfahrungen des Komponisten entstanden. Der Wissenschaftler nennt sogar explizit Namen und Daten, obwohl dies nur bei einer einzigen Motette (BWV 226) sicher überliefert ist. Hierfür hat er intensiv geforscht und zahlreiche Hinweise zusammengetragen, die seine These stützen sollen. In einem nicht allzu strukturierten Einführungsvortrag berichtet er darüber. Auch das anschließende Konzert wird er moderieren.

Nun verdient der Musikwissenschaftler Dr. Brüser den Großteil seiner Brötchen als Richter für Strafrecht. Und als solcher weiß er natürlich um den Unterschied zwischen Indiz und Beweis. Als Musikwissenschaftler schlüpft er jedoch in die Rolle des Advocatus musicae und setzt seine Argumentation recht absolut: Konjunktive braucht es scheinbar nicht – hier werden Gewissheiten verkündet.

Dabei wird man den Eindruck nicht los, als wolle diese Demonstration vor allem den Thron zementieren, auf dem Bach zu Recht sitzt. Der Wissenschaft ist es ein Graus, wenn sie etwas nicht begründen oder nachweisen kann: Einen Zufall darf es per se nicht geben. Und daher zieht Dr. Brüser mit Lust das B-A-C-H-Motiv und eine in Bachs Musik verortete Gematrie heran, bei der Buchstaben als Zahlen dargestellt und entsprechend interpretiert werden. So also soll Bach getrauert haben?!

Im Ernst? Diese in der Forschung übrigens nicht unumstrittene musikalische Kryptografie mag faszinieren. Aber verliert gerade die Musik dieses Großen nicht das Einzigartige, ja geradezu Göttliche, wenn man sie derart zu dechiffrieren versucht? Klingt, ja wirkt die Musik dann anders? Was ist mit Bachs Intuition? Und lässt man dabei nicht außer Acht, dass der große Meister eben auch ein musikalischer Handwerker war und als Thomaskantor nicht zuletzt viel beschäftigter Dienstleister, der zuhause, salopp gesagt, viele Mäuler zu stopfen hatte?

Gerade für die Musikwissenschaft gilt: Je weiter das Objekt der Betrachtung zurückliegt, umso größer ist die Gefahr der Spekulation. Qui bono? Wirklich der Musik? Entlarvt man einen Zaubertrick als solchen, mag man klüger sein, doch der magische Moment ist dahin. Diese Gedanken beschäftigen einen auch während des folgenden Konzerts, für das die Frankfurter Bachkonzerte das Ensemble BachWerkVokal Salzburg eingeladen haben.

Acht Sängerinnen und Sänger musizieren mit kleinem Continuo aus Violoncello, Violone, Laute und Orgel unter der Leitung von Gordon Safari. Im ersten Teil erklingen die Motetten „Ich lasse dich nicht“ (BWV 159 Anh.), „Fürchte dich nicht“ (BWV 228) und „Jesu, meine Freude“ (BWV 227); nach der Pause folgen „Der Geist hilft unser Schwachheit auf“ (BWV 226), „Komm, Jesu, komm“ (BWV 229) und „Singet dem Herrn“ (BWV 225). Ein wunderbares Programm, in dem die Musik geradezu in Szene gesetzt wird.

Gordon Safari führt seine exquisiten Chorstimmen und Instrumentalisten impulsiv und voller Empathie mit fließender und eleganter Bewegung. Der Text ist ihm wichtig, was man nicht nur daran merkt, dass er ihn stumm mitartikuliert. Noten hat er zwar auf dem Pult liegen, doch würdigt er sie kaum eines Blicks. Intensiv kommuniziert er mit dem Chor, der all seinen Anweisungen geradezu magnetisch folgt. Musizieren die Bassinstrumente colla parte, begeistern vor allem die Feinheiten von Sophie Esterbauers Lautenspiel und Stephan Pollhamers Orgelbegleitung.

Der vokale Klangkörper besteht aus acht Solistinnen und Solisten, die in einer sakralen Akustik sicherlich zu einem delikaten Chorklang verschmelzen würden. Was hier nur ansatzweise in der Fünfstimmigkeit von „Jesu meine Freude“ klappt, denn der Raumklang des Mozart-Saals der Alten Oper eignet sich für diese Musik nur äußerst bedingt. Doch die Stimmen singen blitzsauber und transparent; das durchgehend juvenile Alter der Besetzung sorgt ebenfalls für höchste Güte.

War eben von einer Inszenierung die Rede, schlägt dieser Impetus jedoch zuweilen ins Gegenteil um: Safari liebt offenbar die Agogik und spielt geradezu mit den Tempi. Auch hier folgen ihm alle Musiker aufmerksam. Nur einmal, im Choral „Unter deinen Schirmen“, gerät das Ganze kurz ins Stolpern, als nach einem Beginn in Zeitlupe mächtig Gas gegeben wird. In den doppelchörigen Motetten des zweiten Teils, deren Reiz ja gerade in Ebenmaß und Stringenz liegt, hält der Dirigent die Tempi hingegen kaum, sondern drosselt oder beschleunigt immer wieder. Ein Metronom würde nach kurzer Zeit den Dienst quittieren.

Das verleiht der Musik insgesamt eine desorientierende Unruhe – im lokalen Dialekt würde man dazu vielleicht hibbelig sagen. Und so geht einem diese dauernde Akzentverschiebung irgendwann gehörig auf die Nerven: Man kommt sich vor wie auf einem stark schwankenden Schiff (was das Wohlbefinden ja zuweilen nicht bei jedem fördert). Diese Theatralik wird noch gesteigert, als Safari den Choral in „Singet dem Herrn“ mit vertauschten Chören wiederholt und die Stimmen aus dem ersten Chor denen aus dem zweiten feierlich ihre Notenmappen übergeben. Zwar gibt es eine entsprechende Anweisung des Komponisten und ein bisschen Show darf ja ruhig sein, doch die Zäsur ist einfach zu groß.

Wenn Bach trauert, dann möchte man das gerne nachvollziehen (können). Der mangelnde Genius loci erschwert das genauso wie die Moderationen und der Applaus nach jedem Stück. Den Vogel schießt Gordon Safari dann noch ab, als er erklärt, aus gegebenem Anlass keine Zugabe geben zu wollen, und stattdessen auf den Stand mit seinen CDs (und Dr. Brüsers bei Bärenreiter erschienener Promotionsschrift) verweist, wo es an diesem Abend den Tonträger für 20 Euro, aber drei Stück für nur 50 Euro gebe – schließlich nahe ja das Weihnachtsfest. Bei aller vokalen und instrumentalen Meisterschaft, die man an diesem Abend auch goutieren durfte, hinterlässt dieser Lapsus leider einen faden Nachgeschmack.

zurück