» Musik

Spannender als jeder Tatort

HOFHEIM (27. Januar 2019). So spannend wie die Geschichte um Judith, die dem Feldherrn Holofernes den Kopf abschlägt und somit ihr Volk Israel vor einer Schlacht mit dem Heer König Nebukadnezars bewahrt, konnte der letzte „Tatort“ aus Saarbrücken, der an diesem Abend lief, gar nicht sein. Pfarrer Reinhardt Schellenberg fasst die im Alten Testament nachzulesende Handlung anschaulich zusammen, bevor die Thomaskantorei unter der Leitung ihres Dirigenten Markus Stein Teile des Oratoriums von Antonio Vivaldi anstimmt.

Es ist ein besonderes Konzert, das an diesem Abend ein großes Publikum in die Thomaskirche gelockt hat. In dieser Musik ist Stein zuhause, genauso wie das von ihm mitgegründete Neumeyer Consort, das auf historischen Instrumenten einmal mehr so vorzüglich musiziert. Der Dirigent ist auch erstmals „Artist in Residence“ und leitete einen Kurs des Exzellenz-Programms „BarockVokal“ an der Hochschule für Musik Mainz. Regelmäßig finden hier zu besonderen Projekten talentierte junge Sängerinnen und Sänger zusammen, um von Profis angeleitet ihre künstlerische Gestaltungsfähigkeit bei der Interpretation vor allem Alter Musik zu finden und weiterzuentwickeln.

In den Tagen vor dem Konzert hatten Maayan Goldenfeld und Hana Holodňáková (Sopran) sowie Astrid Defauw, Changhoun Eo und Ruth Katharina Peeck (Alt) mit Prof. Elisabeth Scholl Werke Vivaldis erarbeitet: Das „Domine ad adjuvandum“, das „Gloria“ in D-Dur und eben Partien aus „Juditha triumphans“. Vor allem im Oratorium gefällt die gut aufgelegte Thomaskantorei durch beseeltes Musizieren, das im Spiegel des Profiorchesters eine gute Figur macht.

Natürlich erwartet man bei den „BarockVokal“-Absolventen (noch) keine Weltklasse. Und trotzdem ist man von mancher Stimme überrascht und in den Bann geschlagen. Goldenfeld hat in allen Stücken des Abends Partien und gefällt mit leicht federnden Intervallsprüngen, fließendem Koloraturgesang und einer ganz bezaubernden Solokadenz in der Arie „Quamvis ferro“. Manche Stimmen sieht man eher im exquisiten Ensemble als im Solistenfach oder auch in späteren Epochen beheimatet. Und eine strahlt mit stimmlicher Präsenz und elektrisierenden Ausstrahlungen besonders: Vergleicht man die einzelnen Künstler mit Leuchtkörpern und sieht sie in verschiedenen Wattstärken glühen, ist Holodňáková der Halogenscheinwerfer. Besonders den jüngeren unter diesen Künstlern sei gewünscht, dass sie auch künftig auf so umsichtige und erfahrene Lehrer wie Elisabeth Scholl treffen, die diese Talente in die richtige Bahn lenken.

Ein rundum stimmiges Konzert also: Man genießt Vivaldis Modulationen im „Et in terra pax“ des „Gloria“, das Duett der Soprane, das Zusammenspiel von Solo-Oboe (Ina Stock) und Gesangsstimme im „Domine Deus“ sowie zwischen Violoncello (Felix Koch) und Solist im „Domine Deus, Agnus Dei“. Agil führt Markus Stein die Musiker durch die Werke und die Funken, die er hier schlägt, führen auch bei allen anderen zu feurigem Musizieren. Allein schon das spannungsgeladene Paukenintervall zu Beginn von „Juditha triumphans“ verspricht packende Barockmusik – ein Versprechen, das Chor, Orchester und Solisten schon in den Werken zuvor einlösten und bis zum triumphalen Schlusschor „Salve invicta“ gehalten haben.

zurück