Weltenlärm stört Konzertgenuss
MAINZ (20. September 2026). Als man zum jüngsten Konzert des Bachchors die Christuskirche betritt, wähnt man sich als Astronaut, denn über einem schwebt eine riesige, sieben Meter messende Weltkugel: Seit dem 13. September beherbergt das Gotteshaus für drei Wochen die Installation „GAIA“ des britischen Künstlers Luke Jerram. Ihm geht es darum, den gemeinsamen Planeten in seiner Schönheit, aber auch Verletzlichkeit zu zeigen.
Und natürlich prasseln die Assoziationen vor Konzertbeginn nur so auf einen ein: Der Bachchor hat unter der Leitung von Christoph Siebert zu einer „Schubertiade“ eingeladen, singt klavierbegleitete Vokalstücke von Franz Schubert, Solisten intonieren seine Lieder – Romantik pur also! Der Forscher Alexander von Humboldt reiste Anfang des 19. Jahrhunderts nach Lateinamerika, Asien und Russland, die Erfindung der Eisenbahn verband bald Städte und Länder, Kontinente rückten näher.
Gleichzeitig entfachte der Widerspruch zwischen hehren Idealen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit und der oft bitteren Realität in dieser Zeit nicht selten eine Melancholie, einen Weltschmerz. Und wollte man gerade an diesem weiteren, an Hiobsbotschaften nicht gerade armen, deutschen Wahlabend selbst nicht auch wenigstens für zwei Stündchen der Welt abhandenkommen, wie es der Dichter Friedrich Rückert 1821 formulierte? Gleichviel, die Welt ist an diesem Abend omnipräsent.
Und das leider vor allem akustisch: Werden die Konzerte des Bachchors ansonsten höchstens hin und wieder von obligaten Martinshörnern auf der beiderseits verlaufenden Kaiserstraße begleitet, ist es diesmal ein geräuschintensiver Motor, der die Weltkugel dreht. Und der ist leider nicht abzustellen, weil dann der verbundene Kompressor ausfallen würde, was einen baldigen Weltuntergang zur Folge hätte. Davon hatten die Verantwortlichen des Bachchors jedoch erst kurz vorher erfahren, was eine Verlegung des Konzerts an einen anderen Ort unmöglich gemacht hatte.
So muss das Publikum eben die Zähne zusammenbeißen, was nicht einfach ist: Vor allem den Darbietungen von Martha Jordan (Mezzosopran) und Georg Poplutz (Tenor) sowie Hilko Dumno (Klavier) rückt das „Weltgetöse“ zu Leibe. So kann man zwar hören, wie perfekt die Künstler den Charakter des Kunstlieds aufgreifen und mit ihren wunderbaren und fein akzentuierenden Stimmen höchst lebendig Geschichten erzählen, zum Beispiel in „Nachtstück“ (D 672), „Gretchen am Spinnrade“ (D 807), „Auf der Bruck“ (D 853) oder „Der liebliche Stern“ (D 861) – nur richtig goutieren kann man es an diesem Abend leider doch nicht. Jammerschade.
Auch der mit rund 50 Stimmen besetzte Bachchor macht seine Sache gut. Freilich muss der Rollenwechsel vom reinen Oratorien- hin zum zeitweisen A-cappella-Chor noch intensiver gestaltet werden, doch ist das Ensemble hierbei sicherlich auf einem guten Weg. Dirigent Siebert fordert intensive Sprachgestaltung, gibt die zu singenden Bögen nachvollziehbar vor, was der Chor auch konzentriert aufgreift. Auffallend ist die Vorliebe des Dirigenten für Schweller auf den Schlusstönen. Manchen Stimmen sieht man den Spaß am Singen auch an – gerne mehr davon.
Allerdings funkt den Sängerinnen und Sängern noch etwas anderes als das laute Weltgeschehen dazwischen: Der Bachchor ist aktuell eher heterogen besetzt, was nicht von vornherein ein Nachteil sein muss. Auch, dass die Intonation dadurch zuweilen leicht schwankt, ist erst mal kein Problem – das kommt in den besten Chören vor. Aber an diesem Abend wird der Klangkörper fast durchgehend vom Klavier begleitet. Auf dem Programm stehen unter anderem „An die Sonne“ (D 439) sowie „Der Gondelfahrer“ für Männerchor (D 809) oder „Gebet“ für Frauenchor (D 706).
Hilko Dumno spielt einen eigens für dieses Konzert organisierten Hammerflügel nach Conrad Graf aus dem Wien des Jahres 1826 und der Werkstatt von Christoph Kern in Staufen/Breisgau. Der weiche Klang wird leider ebenfalls durch die Erdrotation gedämpft, ist aber dennoch hörbar. Und genau das ist bei den Chorstücken das Problem, denn das sauber gestimmte Instrument spielt ja nicht colla parte wie ein Orchester bei einer Bach-Passion, sondern ist geschmackvoller Liedbegleiter. Somit fällt aber jede Intonationstrübung unmittelbar auf und führt sogar zu einer akustischen Sinnestäuschung: Ist der Flügel verstimmt oder singt der Chor, namentlich sein Sopran, nicht gänzlich sauber?
Es sind freilich nur Nuancen, doch sie stören das Gesamtbild wie ein einzelner, kleiner Fleck auf einem ansonsten weißen Tischtuch. Hier hat der Bachchor also Steigerungspotenzial. Und da er künftig pro Saison neben zwei orchesterbegleiteten Konzerten zwei weitere a cappella singt, darf man gespannt sein, was Christoph Siebert aus seinem Ensemble hier noch herausholen wird.
Abschließend machen es die Umstände also nicht leicht, die Leistung von Chor, Pianist und Solisten gebührend zu würdigen. Immerhin, und das ist kein kleiner Pluspunkt, ließen sich die Aufführenden vom permanenten Weltgebrumme nicht aus der Spur tragen. Letztlich möchte man augenzwinkernd in die letzten Verse des von Martha Jordan so innig intonierten Liedes „Auflösung“ (D 807) einstimmen, denn dort – sorry, Mr. Jerram – heißt es gleich mehrfach wiederholt: „Geh‘ unter Welt, und störe nimmer die süßen ätherischen Chöre!“


