Behold a wonder here
SCHIERSTEIN (20. DEZEMBER 2025). Eigentlich kann man nahtlos an die Konzertbesprechung vom 2. Juli anknüpfen, als Andreas Scholl mit seiner Frau Tamar Halperin in der Idsteiner Unionskirche auftrat: Auch beim Wiesbadener Bachfest, wo Scholl, einzig begleitet von Lautenist Edin Karamazov, in der Schiersteiner Christophoruskirche singt, geht es ihm ums „Storytelling“, das Erzählen von Geschichten. Hierfür hat er ein apartes Programm mit Liedern von John Dowland sowie dessen Zeitgenossen Thomas Campion und Robert Johnson zusammengestellt. Dazu gibt es eine Auswahl englischer Folksongs und eine Kantate, die der junge Georg Friedrich Händel um 1710 während eines Italienaufenthalts schrieb.
Wenn Scholl singt, dann tut er das nicht nur mit der Stimme: Mimik und Gestik sind mindestens genauso wichtig. Entweder hält er Blickkontakt mit dem Publikum oder singt versonnen über es hinweg, mal wringt er die Hände, unterstreicht Phrasen mit leichter Handbewegung. Den großen Koloraturen-Marathon überlasse er mittlerweile getrost jüngeren Kollegen, sagte der Countertenor in einem Interview sinngemäß: Ihm geht es mehr darum, das Gesungene zu ergründen, die Ebene hinter der Brillanz auszuleuchten. Und das gelingt ihm auch in diesem Konzert meisterhaft.
Die Grandezza des Abends liegt in seiner Authentizität, denn Scholl ist im übertragenen Sinne nackt: Da ist kein Orchester oder wenigstens Continuo, das ihn stützt oder trägt. Nur die Lautenklänge untermalen seinen Gesang. Und im Folksong „King Henry“ verzichtet er selbst darauf, intoniert ohne Begleitung. Das geht unter die Haut, denn dieser Moment ist echt, ist pur. Scholl singt wunderschön und dass er manche Figur mit Glissando versieht oder sich (wenn auch minimal) intonatorische Freiheit nimmt, gehört zum Spiel.
Ein kurzer Exkurs: Als die deutschen Landesmusikräte die Stimme zum „Instrument des Jahres 2025“ kürten, übernahm Andreas Scholl für Rheinland-Pfalz mit die Schirmherrschaft. Und dazu sagte er etwas, das man an diesem Abend live erleben durfte: „Wir können uns, wenn wir es wagen uns zu öffnen und vor Publikum zu singen, nur bedingt verstellen. Wenn sich jemand vor mich stellt und für mich singt, ist das eines der größten Geschenke, weil der sich öffnet und sich bewusst auch angreifbar macht. Aber das passiert nicht, wenn die Leute merken, dass da eine Ehrlichkeit und eine Direktheit dahinterstehen. Ich zeige mich mit meiner Stimme ganz persönlich. Das braucht Mut. Und dieser Mut ist befreiend. Bei einer Familienfeier steht einer auf und singt den Leuten was vor. Und wenn es kracht und knackst und unsauber ist, dann ist das egal, denn darum geht es in dem Moment gar nicht: Das Publikum, die Menschen werden dankbar sein, weil man ihnen etwas schenkt. Ich sage das auch immer meinen Studierenden: Wenn Euch jemand fragt, steht auf und singt denen was vor. Wenn wir diesen Mut finden, dann ist das ein Moment, in dem wir uns öffnen und selbst so zeigen, wie wir sind. Und darin liegt das Glück im Gesang: Wir spüren, dass da jemand was wagt für uns. Und der, der etwas wagt, wird danach belohnt. Das ist ein kurzer Moment, in dem er oder sie selbst sein darf.“
Hoffentlich hat Andreas Scholl in Schierstein dieses Glück gespürt – dem Publikum in der bis auf den letzten Platz ausverkauften Christophoruskirche ging es auf jeden Fall so. Als der Sänger vor mehr als 30 Jahren seine großartige Karriere startete, war er der Countertenor schlechthin. Und noch immer hat seine Stimme diesen vollen, warmen und vor allem natürlich Ton. Statt Vibrato einzusetzen wählt er eher ein immanentes Schwingen, eigentlich nur ein Flirren, das die Töne mühelos trägt. In der Höhe öffnet sich das Organ und die Melodie wirkt wie eine Umarmung. Das Spiel mit der Dynamik unterstreicht die Schönheit der Figuren und zeigt, wie kostbar gerade das zuweilen Unscheinbare sein kann.
Was besonders gut beim Folksong funktioniert: An diesem Abend hört man unter anderem „Wayfaring stranger“, „Down by the Sally Gardens“ und „The water is wide“, bei denen Edin Karamazov auf der Laute faszinierend (und zum Teil alles andere als renaissancemäßig) improvisiert. Singt eine so große Stimme solche Stücke, stehen diese allein dadurch auf einem Sockel – Scholl nimmt nun sozusagen eine Korrektur vor und macht aus dem Kunst- wieder ein Volkslied, trägt es also wieder zurück zur Quelle.
Wer Walt Disneys herrliche Adaption von „Robin Hood“ aus dem Jahr 1973 kennt, dem kommt hier vielleicht die sympathische Figur des Alan A’Dale in den Sinn: jener Laute spielende Hahn, der durch die Geschichte führt. Im Original singt und spricht übrigens der US-Countrysänger Roger Miller („King of the Road“), in der deutschen Fassung der Liedermacher Reinhard Mey. So stellt sich A’Dale vor: Als Minnesänger habe er die Dinge einfach so zu erzählen, wie sie sind oder waren. Und genau dieser kunstvollen Reduktion, diesem Fokussieren aufs Wesentliche fühlt sich ja auch Scholl verpflichtet.
Ebenfalls ein Erlebnis ist Händels Kantate „Nel dolce tempo“. Mit dieser Musik schlägt Scholl nach der Melancholie Dowlands eine ganz andere Saite an. Sie sei für ihn, wie er nach der kurzen Konzertpause erklärt, vergleichsweise fast schon eine Art „Partymusik“. Damals lebte Händel im Dunstkreis reicher Mäzene, der Kardinäle Ottoboni und Pamphili sowie Komponisten wie Scarlatti, Ariosti, Marcello und Gasparini. Rom war damals ein Hotspot der europäischen Kultur, unterstützt auch von Königin Christina von Schweden, die dort als Katholikin im Exil lebte. Händel schrieb „Nel dolce tempo“ sozusagen als Wettbewerbsbeitrag, denn die Komponisten seiner Zeit trafen sich zum kollegialen Schlagabtausch, um sich ihre neuesten Kompositionen vorzuspielen. Diese Leichtigkeit, gepaart mit der Anspannung des Wetteiferns, ist auch in Schierstein zu spüren.
Nach zwei letzten Dowland-Liedern endet ein Konzert, das eine große Stimme in fast schon intimem Rahmen präsentierte. Weitere Titel des Programms umschreiben das Gehörte treffend: „Behold a wonder here“ oder „Time stands still“. Als Zugabe gibt es eine schöne Überraschung: Edin Karamazov braucht nur die ersten Noten des berühmten Chorals aus BWV 147, der Kantate „Herz und Mund und Tat und Leben“, anzustimmen und schlägt das Auditorium in seinen Bann; Scholl intoniert den Cantus firmus „Jesus bleibet meine Freude“ – mehr braucht es nicht zum Glück.


