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Psychodrama mit Pilatus

FRANKFURT (22. März 2026). In der Vorweihnachtszeit und noch viel mehr während der Passionswochen hat die Musik Johann Sebastian Bachs Hochkonjunktur. Und so hatte man am zwölften Wochenende des Jahres in der Region mindestens gleich dreimal die Möglichkeit, die Johannespassion zu hören: In Hofheim mit der Thomaskantorei und dem Neumeyer Consort unter Markus Stein, einen Tag später in Mainz mit der Domkantorei St. Martin und – erstmals vor Ort – dem Barockorchester L’arpa festante aus München unter Domkapellmeister Karsten Storck sowie zeitgleich in der Frankfurter Heiliggeistkirche mit dem Cäcilienchor und der Neuen Hofcapelle Frankfurt unter Christian Rohrbach.

Da der Bass Hans Christoph Begemann im Januar ebenfalls in Frankfurt mit der ersten Wiederuraufführung von Kantaten des „Französischen Jahrgangs 1714/1715“ von Georg Philipp Telemann derart gefiel, dass man fast meinen konnte, der Komponist habe seine Musik exquisit für diese Stimme geschrieben und der Sänger auch in der Aufführung des Cäcilienchors zu hören war, besuchte man die Aufführung in der Mainmetropole.

Gerne lenkt eine Kritik – zumal auf dieser Seite – bei einer Passionsmusik den Blick zuvorderst auf den Chor, der auch in der Johannespassion mit Eingangs- und Schlusschor, theatralischen Turbapartien und zwölf Chorälen gut zu tun hat. Diesmal verdienen jedoch auch und vor allem die Solostimmen eine besondere Betrachtung, denn sie waren es, die das Konzert besonders adelten.

Wobei die durchgehend transparent und mit historischen Instrumenten musizierende Hofcapelle sowie der Cäcilienchor keinesfalls zurückstanden: Der mit fast 80 Stimmen üppig besetzte vokale Klangkörper machte durch die Bank weg eine gute Figur und überzeugte, abgesehen von fast mit der Lupe zu suchenden Intonationsschwankungen, vor allem durch akzentuierte Aus- und Absprache – in der Barockmusik das A und O. Gerade in den wütenden Volkschören verstand es der Chor, mit markantem Forte Akzente zu setzen, was die opernhafte Dramatik dieser Stellen trefflich unterstrich. In den leiseren Partien könnte es hingegen eine reizvolle wie lohnenswerte Aufgabe sein, die Pianokultur des Chores noch weiter zu entwickeln. Ansonsten führte Christian Rohrbach, seit einem Jahr Leiter des renommierten Ensembles, seine Sängerinnen und Sänger höchst elegant durch eine lebendige Erzählung des Johannesevangeliums.

Das wurde stringent und lebendig von Julian Habermann sowohl in der Rolle des Evangelisten als auch in den Arien verkündet. Der Tenor verfügt über eine glockenhelle Stimme, die auch in der Höhe mit makelloser Präsenz punktet. Die Rezitative wurden äußerst kultiviert und dennoch nicht ohne innere Anteilnahme gestaltet – ein spannendes Spiel von Nähe und Distanz. Ihm gegenüber stand Florian Küppers, der den Christusworten mit einer wohltuenden Ausgeglichenheit eine würdevolle Autorität verlieh.

Bei Annemarie Pfahler mag man kritisch anmerken, dass Bach dem Solosopran in der Johannespassion nur zwei Partien zugestanden hat, denn die Sängerin gestaltete die Arien „Ich folge Dir gleichsam mit eiligen Schritten“ in der seltenen Kombination aus federleicht und dennoch blutvoll und rührte das Publikum mit „Zerfließe, mein Herz“ zutiefst. Es ist Freude und Geschenk zugleich, junge Stimmen zu Beginn ihrer sicherlich erfolgreichen Karriere bereits derart kompetent erleben zu dürfen! Gleiches gilt für Altus Jonathan Mayenschein: Wunderbar durchsichtige Linienführung und vor allem in der Arie „Es ist vollbracht“ im Zwiegespräch mit Jakob Rattinger (Gambe) eine geradezu anmutige Intimität machten seinen Gesang zu einer liebevollen wie tröstenden Geste.

Was auch für die Solopartien von Hans Christoph Begemann galt. Doch fast mehr noch als im delikaten Arioso „Betrachte, meine Seel“ und im wohligen Dialog mit dem Chor in „Mein teurer Heiland“ gefiel der Sänger in seiner Rolle des Pilatus. Die Bibel stellt diese Person durchaus different dar, schweigt sich über ihre historisch verbürgte Rolle als blutrünstiger Despot indes aus. Begemann scheint den Charakter des römischen Statthalters jedoch genauestens studiert zu haben, denn in Frankfurt gelang ihm eine äußerst vielschichtige Darstellung: Anfangs desinteressiert will er mit Jesus nichts zu tun haben, doch sein Interesse an dieser seltsamen Persönlichkeit wächst; schließlich siegt aber der Opportunismus und Pilatus kehrt zu seiner anfänglichen Haltung zurück. Diese Gestaltung machte aus den Szenen geradezu ein kleines Psychodrama, das durch die edle Ruhe Christi und den wütenden Mob in den Tubrachören noch intensiviert wurde. Grandios.

Sicherlich werden auch die Aufführungen in Hofheim und Mainz ihre Glanzpunkte und Höchstleistungen gehabt haben. Man müsste in eine Zeitmaschine steigen können, um diese ebenfalls erleben zu können. Das Konzert in Frankfurt hatte den weitesten Weg. Der aber lohnte auch aufgrund der Erkenntnis, wie wichtig die musikalische Arbeit gerade in Knabenchören ist: Sowohl Christian Rohrbach und Jonathan Mayenschein sangen bei den Windsbachern, Julian Habermann bei den Regensburger Domspatzen. Nicht ohne Grund wurden diese beiden Ensembles gemeinsam mit dem Tölzer Knabenchor und den Augsburger Domsingknaben 2024 in das Bayerische Landesverzeichnis des Immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen. Im Zweifel sollten der Staat und vor allem die Kirche mit diesem Pfund wuchern: Wo man die Menschen mit dem Wort allein nicht mehr erreicht, kann die Musik so manches Wunder wirken.

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