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Musikalischer Seismograph der Seele

MAINZ (8. Februar 2026). In Mainz gibt es eine neue Veranstaltungsstätte: „Die Vitrine“ im Allianzhaus (Große Bleiche 60-62 gegenüber der Peterskirche). Die Galerie versteht sich als Ort der Kreativität, Inspiration und des künstlerischen Austauschs. Das Mainzer Künstlerkollektiv „Die Vitrine“ hatte sich während der Corona-Pandemie als Zusammenschluss von Künstlerinnen und Künstlern aus den unterschiedlichsten Bereichen gegründet und will sowohl etablierten Kunstschaffenden als auch aufstrebenden Talenten eine Plattform bieten.

„Die Vitrine“ dient aber auch als Konzertraum, in dem jetzt der Tenor David Jakob Schläger mit der Pianistin Seung-Jo Cha einen Liederabend mit Werken von Robert Schumann gestaltete. Auf dem Programm standen mit den Opera 24, 39 und 48 gleich drei Liederkreise mit vertonten Poemen von Heinrich Heine und Joseph Freiherr von Eichendorff, darunter die berühmte Sammlung „Dichterliebe“. Mit dem Heine-Liederkreis op. 24 öffnete Schumann, der sich zuvor auf Kompositionen für Klavier konzentriert hatte, im Jahr 1840 sein Schaffen für das Lied.

David Jakob Schläger tauchte an diesem Abend ganz in die Schumann’sche Liedkunst ein und ergründete dabei einen Kosmos, in dem sich musikalische Feinzeichnung und poetische Innerlichkeit ansprechend die Waage halten. Der dramaturgisch klug gespannte Bogen zog sich durch drei zentrale Facetten des romantischen Liedschaffens, die hier als zusammenhängendes psychologisches Drama aufgefasst wurden: Schläger zeigte Schumann nicht zuletzt als musikalischen Seismographen der Seele.

Schon im Heine-Liederkreis op. 24 zeigte der Sänger seine Fähigkeit zur Differenzierung. Mit einer Stimme von schlanker Klarheit und kultivierter Projektion verweigerte er sich jeder demonstrativen Emotionalität und ließ die Ironie Heines stattdessen aus der Musik selbst entstehen: Kleine Verzögerungen im Atem, fein dosierte Akzente sowie ein bewusst zurückgenommenes Vibrato reflektierten den Schmerz hier nicht als Ausbruch, sondern als Ahnung.

Im Eichendorff-Liederkreis öffnete sich der Ton dann ins Landschaftliche: Schläger verzichtete jedoch bewusst auf Postkartenromantik, sondern entfaltete eine poetische Topografie, in der Bewegung und Stillstand, Fernweh und Erinnerung ineinandergriffen. Besonders überzeugend war die Art, wie er die langen Bögen Schumanns spannte: Getragen von einem Legato, das nicht glättete, sondern strukturierte, wurde Natur hier nicht nur besungen, sondern erlebt.

Im zweiten Konzertteil machte der Sänger die „Dichterliebe“ zum Zentrum des Abends und erzählte den Zyklus nicht als sentimentale Liebesgeschichte, sondern interpretierte ihn als Prozess der Entzauberung. Auch hier überzeugte Schläger mit seiner vor allem in der Mittellage und den Höhen kraftvollen Stimmpräsenz. Besonders die leisen Momente – jene scheinbar nebensächlichen Übergänge zwischen Hoffnung und Erkenntnis – wurden zu Trägern der eigentlichen Dramaturgie.

Wobei es gerade diese leisen Momente waren, die unter dem kraftvollen Anschlag von Seung-Jo Cha zuweilen Mühe hatten, sich zu profilieren, denn für den Raum war das dynamische Agieren der Liedpianistin oft schlichtweg zu präsent. Der Flügel war dann weniger Begleiter als (zu) selbstbewusster Gesprächspartner, der die romantische Intimität Schumanns mit einer gewissen Begeisterung für klangliche Entfaltung konterkarierte. Während Schläger also die Kunst des Andeutens pflegte, bevorzugte Cha die Geste des Ausrufezeichens. An manchen Stellen wäre es sicher lohnenswert gewesen, sie hätte die Rolle des Publikums angenommen – und dem Sänger mehr zugehört.

Mehr zum Programm der Vitrine gibt es hier: https://www.vitrinemainz.de/

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