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Musik zur Passion

MAINZ (24. März 2024). Man kennt Franz Liszt (1811-1886) als Komponisten und Arrangeur vor allem für Tasteninstrumente. Seiner Feder entsprangen jedoch auch verschiedene weltliche und vor allem geistliche Chorwerke, die in den Konzertkalendern jedoch zu oft ein Schattendasein führen. Insofern war es fast sinnbildlich, dass sie jetzt in St. Stephan ins durch die Chagall-Fenster blau gefärbte Abendlicht gezogen wurden: Das Mainzer Ensemble „Ein Kammerchor“ und der Karlsruher Organist Lucas Bastian führten unter der Leitung von Thomas Höpp Liszts „Via Crucis“ sowie die „Missa choralis“ auf.

„Via Crucis“ ist weniger konzertante Musik als vielmehr eine etwa halbstündige klangliche Meditation über die 14 Stationen der Via Dolorosa, des Leidenswegs Jesu. Bei dieser Andachtsübung der römisch-katholischen Kirche folgt der Beter den einzelnen Szenen der Passion von der Verurteilung über das Kreuztragen und mehrmalige Fallen des Heilands sowie Begegnungen mit seiner Mutter bis hin zur Hinrichtung, dem Kreuzestod und der Grablegung Jesu.

Liszt, dem diese Musik nach eigenen Worten ein „inneres katholisches Herzensbedürfnis“ war, schrieb sie 1878 und 1879; ihre erste Aufführung erlebte sie indes erst 50 Jahre später und somit nach dem Tod des Komponisten. Das Werk für Orgel (im Original Klavier), Chor und Solisten ist dabei höchst eigenwillig vertont: Sein Duktus ist spröde und changiert zwischen schlichter Satzweise und kühner Harmonik, wobei die Musik eigentlich schon den Expressionismus des 20. Jahrhunderts ahnen lässt.

Das mit nur 14 Stimmen – je vier im Sopran und Alt sowie drei im Tenor und Bass – eher sparsam besetzte Ensemble „Ein Kammerchor“ hat sich unter der Leitung von Thomas Höpp der Aufführung gerade derart selten musizierter Werke verschrieben. Liszts „Via Crucis“ ist hierbei natürlich ein äußerst ambitioniertes Projekt, das jedoch zum Erlebnis wird, wenn man sich auf die Musik einzulassen versteht. Fernab von jeglicher Programmmusik zeichnet der Komponist nach einer unisono intonierten Einleitung die 14 Stationen des Kreuzwegs in den Klangfarben der Orgel und des Chors, die dieser ansprechend zum Leuchten bringt. Solistische Einwürfe, Chorsatz, Choral – man merkt, dass das Ensemble die Musik durchdringt und die Sujets im Zusammenspiel mit der Orgel konturreich abzubilden vermag. Auf der Klais-Orgel brilliert Lucas Bastian, wenn er die Hammerschläge in Bild Nr. 11 hören lässt oder bei der Station, an der Jesus seiner Kleider beraubt wird, das Auflösen eines Gewandes skizziert.

Nach den Stationen des Kreuzwegs erklingt in St. Stephan Liszts „Missa choralis“, fast 15 Jahre früher entstanden als „Via Crucis“. Auch sie war damals ungewohnt neu und stieß aufgrund ihrer ebenfalls bereits spürbaren expressiven Tendenzen anfangs auf Ablehnung. „Ein Kammerchor“ und Lucas Bastian bilden hier ebenfalls eine ansprechende Einheit und den Vokalisten gelingt das intonatorisch höchst anspruchsvolle Zusammenspiel mit der Orgel über weite Passagen beeindruckend; einzig die Sätze des Sanctus und Benedictus lassen in puncto Homogenität etwas zu wünschen übrig, wobei die einzelnen Chorregister im finalen Agnus Dei wieder zur gemeinsamen Basis zurückfinden. In toto gefällt der Chorklang mit kraftvoller Dynamik und zupackendem Forte. Begeisterter und vor allem verdienter Beifall für den Instrumentalisten, die Sängerinnen und Sänger sowie Dirigent Thomas Höpp.

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