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Einmal mehr auf barocker Kaperfahrt

BUDENHEIM – Piraten sieht man derzeit eher auf gekaperten Öltankern vor der Küste Somalias dümpeln. Aber wenn sich „Red Priest“ mit Schärpe und Kopftuch in Schale schmeißt und als „Pirates of the baroque“ durch die Partituren schippert, mag man gleich mit anheuern, so herrlich frisch lassen sie einem den musikalischen Wind um Nase und vor allem Ohren wehen.

Das englische Ensemble, das mit gleichem Programm schon einmal in diesem Magazin besprochen wurde – damals konzertierte es in Wiesbaden – überzeugt auch beim zweiten Hören in Schloss Waldthausen auf ganzer Linie. Unter der Leitung von Piers Adams (Blockflöte) spielen – Julia Bishop (Violine), Angela East (Violoncello) und Howard Beach (Cembalo) ihr thematisches Triptychon erneut mit schon damals bestechenden Können: Es geht es um musikalische Produktpiraterie der Herren Händel & Co., dann um die vertonte Seefahrerromantik und schließlich wird auch so manch unbekannter Schatz gehoben.

So zum Beispiel die Sonate c-moll op. 5 Nr. 2 von Giovanni Paolo Simonetti, der im 18. Jahrhundert wirkte: „La Burrasca“, zu deutsch Seesturm heißt das Stück und wie im gleichnamigen Concerto G-Dur RV 433 „La Tempesta di Mare“ von Antonio Vivaldi hört man den Wind förmlich heulen und die Wogen schäumen. Mit einer ungebändigten Spielfreude geht „Red Priest“ die Alte Musik an und pustet aus vollen Backen den Staub weg.

Und dann waren die Tonsetzer der Barockzeit selbst Piraten zu Lande und klauten nach Herzenslust bei anderen Komponisten und natürlich auch bei sich selbst: Die anrührende „Aria Amorosa“ von Georg Friedrich Händel stibitzte dieser offenbar von seinem Kollegen Reinhard Keiser und das berühmte „Adagio“ von Tomaso Albinoni hat erst der Musikwissenschaftler Remo Giazotto im 20. Jahrhundert geschrieben.

Die Seeräuberei als Thema schließlich wurde nicht nur optisch durch Schärpe und Kopftuch illustriert: Cembalist Howard Beach hat aus Klavierstücken von François Couperin die Suite „Le jour des pirates“ arrangiert, in der „Red Priest“ das Publikum mit auf Kaperfahrt nimmt – inklusive werbenden Hafendirnen, Deckschrubben, Seeschlacht und verwundeten Soldaten, die so kläglich in ihre Instrumente stöhnen, dass man fast geneigt ist, eine Packung Aspirin auf die Bühne zu werfen.

Kurzum: „Red Priest“ widmet sich den barocken Klängen mit erfrischender und ansteckender Virtuosität, bürstet die gängigen Auffassungen genüsslich gegen den Strich und verwandelt das „E“ dieser Musik flugs in ein „U“: Von der internationalen Presse wurden sie nicht umsonst schon als die „Rolling Stones der Alten Musik“ bezeichnet.

Mit unglaublicher Prägnanz, perfektem Zusammenspiel, sauberster Intonation und selbst im rasenden Tempo homogen geben sie den Stücken und Bearbeitungen eine intensive Farbe und Dynamik. Die Begeisterung tut ihr Übriges, denn „Red Priest“ hat an diesem Abend sichtlich doppelt Spaß: zum einen natürlich am mitreißenden und sich gegenseitig anfeuernden Zusammenspiel, zum anderen aber auch daran, wie glänzend sie ihr Publikum unterhalten.

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