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Tanzen und Träumen

JUGENHEIM (12. September 2026). Eigentlich sollte das Gastspiel der Gambistin Hille Perl mit ihrem Ensemble „Los Otros“ als eines von drei Konzerten der rheinhessischen Reihe „Furioso!Barock“ in der evangelischen Kirche Partenheim stattfinden. Da hätte es auch bestens hingepasst, doch sprach die Künstlerin in einem Zeitungsbericht zuvor vom Reiz der kleineren Dorfkirchen und von der Intimität, die diese der Musik, den Aufführenden und dem Publikum gleichermaßen schenke. Das wiederum machte offenbar derart neugierig, dass das Partenheimer Konzert nicht nur rasch ausverkauft war, sondern den Verantwortlichen zudem eine lange Warteliste mit Interessenten bescherte, was schließlich zur Verlegung in die größere Kirche St. Martin im benachbarten Jugenheim führte.

Gewiss: Der kleinere Raum war die erste Wahl, doch bot die Saalkirche nicht nur mehr Zuhörenden Platz, sondern den Musizierenden zusätzlich die Möglichkeit, ihre Kunst auch sichtbar zu machen. Schließlich handelte das Programm von den „Träumen und Tänzen des Sonnenkönigs“ und präsentierte Musik aus Versailles Ludwig XIV., jenes kunstsinnigen Monarchen, der seinen Hof zu einem Ort machte, an dem auch die Muse regierte. Zu hören waren Kompositionen von Louis Couperin, Monsieur de Sainte-Colombe, Marin Marais, Antoine Forqueray, Jacques Cordier und Robert de Visée.

Neben Hille Perl erlebte das Publikum Lee Santana an Laute und Theorbe sowie Steve Player an der Barockgitarre. Letzterem kam musikalisch eher eine perkussive Aufgabe zu, doch hatte er gerade an diesem Abend noch Wichtigeres zu tun: Ist es im Historienfilm „Le Roi danse“ von Gérard Corbiau aus dem Jahr 2000 mit Benoît Magimel der König selbst, der tanzt, war es an diesem Abend Player, der mit aristokratischer Miene und tiefem Ernst im Altarraum zur Musik von Marais barocke Tanzschritte vorführte.

Die sind jedoch weniger Figuren im heutigen Sinn, sondern präzise codierte Verbindungen von Schritt, Gewicht, Haltung und musikalischem Akzent. Player begleitete die Musik nicht, sondern machte ihren Rhythmus körperlich sichtbar: würdevolle, kontrollierte Bewegungen, ein elegantes Gleiten durch den Raum, kleine und größere Sprünge, Strecken und Beugen des Knies.

Derart inszeniert bekamen Sätze wie Allemande, Courante, Sarabande, Gigue oder Menuett eine viel tiefere Intensität. Und das brachte die Musik wieder mit ihrer eigentlichen Aufgabe zusammen: Eine Suite ist Tanzmusik! Heute hört man dieses Repertoire – ähnlich wie eine Bach-Passion oder Kantaten des Thomaskantors – eher im Konzert, doch seinerzeit waren Musik und Tanz wichtiger Teil der höfischen Konversation. Und – diese womöglich steile These sei erlaubt – wären sie es heute noch, hätte der politische Diskurs weitaus mehr Stil als der gegenwärtige.

Doch zurück nach Jugenheim, wo das Publikum sich am Klangrausch der barocken Klänge delektieren durfte. Und man erkannte: Den hier Musizierenden geht es nie darum, sich selbst zu produzieren, sondern um gegenseitiges Wahrnehmen, das Aufgreifen musikalischer Impulse – schlicht: ums Zuhören. Das Zusammenspiel von Gambe und Theorbe lebt von einer außergewöhnlichen kammermusikalischen Intimität: Hier begegnen sich Solostimmen nicht nur, sondern pflegen einen fein austarierten Dialog, in dem jede musikalische Geste auf die andere reagiert. Genauso unprätentiös geriet die sympathische Moderation durch die Künstlerin.

Hille Perl besticht mit ihrem warmen, farbenreichen Gambenton, während Lee Santana der Laute eine ebenso präzise wie nuancenreiche Stimme gibt. Dabei entsteht ein Klangbild von höchster Transparenz und Ruhe, das zugleich von wacher Aufmerksamkeit und subtiler Spannung getragen wird. Das gibt der Musik Raum zum Atmen und Aufblühen.

Gerade Perl beherrscht die Kunst der Agogik mit einer geradezu verblüffenden Selbstverständlichkeit: Sie begnügt sich nicht mit dem großen Rubato-Gestus, sondern arbeitet mit feinsten Verschiebungen innerhalb des Pulses. Besonders in den schnellen Passagen wird daraus ein virtuoses Ereignis. Bei ihr klingt die Musik nicht einfach schnell: Linien eilen, fliegen, wirbeln und federn – sie tanzen! Und trotzdem bleibt jede noch so kunstfertige Bewegung sprechend und plastisch. Im Gegenzug lud Santana in drei Solostücken für Laute von Robert de Visée ein, sich in Akkorden zu verlieren. Und so wurde der Programmtitel grandios, weil wortwörtlich in Klänge übersetzt.

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