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Worte der Trauer und des Trostes

FRANKFURT (14. Oktober 2023). Der Tod ist dieser Tage allgegenwärtig, besucht einen allabendlich in den Nachrichten aus dem Nahen oder noch näheren Osten. Wo mag man da Trost finden? Vielleicht in der Musik von Johannes Brahms, auch wenn man angesichts des christlichen Inhalts der „Vier ernsten Gesänge“ und des Deutschen Requiems konstatieren muss, dass es nicht selten die Religion ist, die weltweit für Terror und wie aktuell in Israel für Tote und Verletzte sorgt, statt Frieden zu stiften.

Gleichviel: Das Deutsche Requiem von Johannes Brahms ist eine Musik des Trostes und genau das erfasste die von Winfried Toll dirigierte Frankfurter Kantorei in ihrem jüngsten Konzert, das mit „Trostmusik für die Menschen“ überschrieben war, kongenial. Auf dem Programm standen zudem Brahms‘ „Nänie“ op. 82 sowie der erste und dritte „Ernste Gesang“ aus Opus 121. Als Solisten hatte man die Sopranistin Talia Or und den Bassbariton Christoph Prégardien verpflichtet, es musizierte die Camerata Frankfurt.

„Nänie“ eröffnete das Konzert in der Wartburgkirche, war quasi eine Art „Appetizer“, wurde man doch klanglich auf das Hauptwerk vorbereitet. Wie dieses erklang das Schiller-Gedicht, das Brahms 1880/81 auf den Tod des mit ihm befreundeten Malers Anselm Feuerbach chorsinfonisch vertonte, in einer Fassung für Kammerorchester, hier von Urs Stäuble. Auch darin ging es um Trauer und Trost. Die orchestrale Diminuierung sorgte für einen warmen Klang, der dem aufrichtenden Gestus anrührend nahe-, vielleicht ja sogar näherkam. Schon im ersten Stück merkte man, wie sehr dem Chor diese Musik liegt, wie er in der dynamischen Gestaltung mitschwingt, stets bedacht, das kleinere Orchester nicht zu verdecken.

Auch die menschliche Hybris, in ihrer Demaskierung ja ebenfalls ein Topos des Requiems, ist Thema in den Liedern „Denn es gehet dem Menschen wie dem Vieh“ und „O Tod, wie bitter bist du“ aus Opus 121. Ursprünglich hatte Brahms sie 1896 für Bass und Klavier geschrieben; der im Konzert anwesende Komponist Gerhard Müller-Hornbach arrangierte sie ebenfalls für Kammerensemble. Die Rolle des erzählenden Sängers tauschte Christoph Prégardien dabei gekonnt mit der des singenden Erzählers: Sein Ton war eher ein Rezitieren, was dem Text eine noch größere Bedeutung beimaß, und das Orchester, von der Rolle des Liedbegleiters entbunden, spielte nun sozusagen die Bühnenmusik. Diese Auslegung behielt der Bassbariton auch im Requiem bei, was die Darbietung noch mehr adelte.

Als Hauptwerk hörte man im Anschluss Brahms‘ Deutsches Requiem in einer Fassung für Kammerensemble von Joachim Linckelmann aus dem Jahr 2010. Nun kennt und liebt man Opus 45 in der gängigen Orchesterfassung, zu der sich die „Londoner Fassung“ mit Chor und Klavier wie Magerquark ausnimmt (obgleich gerade sie sich durchaus angenehm singen lässt). Wie klang das Werk nun mit der Besetzung für Streicher, Holzbläser und Pauke (wobei das ursprüngliche Streichquintett der Chorgröße wegen auf vier erste und drei zweite Geigen, drei Bratschen und zwei Celli sowie Kontrabass erweitert wurde)? Erstaunlich gut: Die rund 65 Chorstimmen harmonierten perfekt mit der Kammerbesetzung und musizierten das Requiem in überraschend neuer Klangfarbe.

Vielleicht mag es eine Einzelsicht sein, doch repräsentierten die solistisch besetzten Holzbläser nicht jeweils die Verlassenheit des Individuums, das doch in der Gemeinde der Gläubigen, das im vokalen wie instrumentalen Tutti erklang, Trost und Zuwendung erfährt? In diesem Licht gehört erfuhren die vertonten Bibelstellen des Deutschen Requiems als Botschaft durchaus eine noch intensivere Aussage, die man angesichts der aktuellen Weltlage doch nur zu gerne vernimmt.

Das Kammerensemble schuf mit seinem lichten Klang dabei eine packende Atmosphäre der Entrücktheit und ging auch die Forte-Passagen sensibel an. Erst bewusst knöchern fahl klang der Chor im zweiten Satz, um dann in einem Crescendo über sich hinauszuwachsen – nicht nur hier verspürte der Hörer wohlige Gänsehaut. Einzelne Orchesterstimmen traten durchaus präsenter als in der Orchesterfassung hervor, was ebenfalls durchaus zu goutieren war.

Stimmkraft, delikate Klangkultur und dynamische Geschmackssicherheit waren bei diesem Requiem die Markenzeichen der Frankfurter Kantorei. Die einzelnen Register sangen intonatorisch sicher und transparent. Was auffiel: Da klebte keine und keiner in den Noten, alle waren in ständigem Kontakt mit Winfried Toll, der den Chor sicher und doch sanft durch die Sätze führte. Diese Präsenz, selbst bei professionellen Ensembles keine Selbstverständlichkeit, sorgte zusätzlich für eine spannungsgeladene Eindringlichkeit der Darbietung.

Die Solisten überzeugten hingegen unterschiedlich: Im Satz „Ihr habt nun Traurigkeit“, den Talia Or mit dem Chor anstimmte, litt ihre Darbietung unter intonatorischen Ungenauigkeiten und einer zu stark vibrierenden Präsenz, was den Gesang wiederum daran hinderte, wie der vokale Klangkörper leicht in die Höhe zu steigen. Umso mehr beeindruckte Christoph Prégardien, der seinen Partien dank barocker Bodenhaftung mit strenger Linienführung etwas Ätherisches verlieh.

Und genau in dieser Stimmung erklang unterm Strich das gesamte Requiem, dessen Botschaft in der Fassung für Kammerensemble und mit dieser Güte musiziert mindestens ebenso tröstlich erklang wie eine Aufführung mit großem Tutti. Brahms hatte das Werk für opulenten Chor mit mehr als 200 Stimmen komponiert. Vielleicht mag man im Zweifel auch für das größere Orchester mit Trompeten, Posaunen, Tuben und Harfe votieren. An diesem Abend aber bewahrten auch weit weniger Instrumentalisten das geliebte Timbre und man hörte Opus 45 einmal mit neuen Ohren – ein reizvoller Gewinn.

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