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Auf Kapsbergers Spuren zum Wesentlichen

EBERBACH – Hille Perl (Gambe) sowie Lee Santana und Steve Player (Chitarrone) bilden das Ensemble „Los Otros”, zu deutsch schlicht „Die Anderen”. Sie wählten diesen Namen voller Selbstironie, wurden die Künstler in ihren Anfängen doch immer „unter ferner liefen“ aufgezählt. Dieses Selbstverständnis als „Outlaws“ wirkt auch in ihrem Spiel: Wenn „Los Otros“ sich der Musik eines Kapsberger, Bonizzi oder Corbetta annimmt, klingt das alles andere als akademisch. Es klingt – eben anders. Und richtig gut.

Im Rahmen des Rheingau Musik Festivals gastierte „Los Otros“ jetzt im intimen Ambiente des Laiendormitoriums von Kloster Eberbach und spielte vor allem die Werke von Giovanni Girolamo Kapsberger (1580-1651) aus dessen erst kürzlich wieder zugänglich gemachten „Libro terza“. Jahrzehntelang hielt man es in einer privaten Bibliothek unter Verschluss und erst der Erwerb durch die Universität Yale, stellte es, wie Perl amüsiert sagt, „allem Pöbel zur Verfügung, so dass nun auch Leute in völlig abgeschiedenen Gegenden wie Winkelsett oder Flöby damit herumspielen können“.

Damit stößt man schon zum Kern des musikalischen Wirkens von „Los Otros“ vor, denn dieses Ensemble geht seinen Kapsberger auf ganz eigenwillige, ja unterhaltsame Weise an und verwischt gekonnt die Grenzen von E- und U-Musik. So durfte das Publikum in Kloster Eberbach das wissenschaftliche Hören, das mit Alter Musik oft einhergeht, getrost ruhen lassen und konnte die Melodien einfach nur genießen.

„Kapsbergers einzigartiger Stil spielt auf beinahe psychedelische Weise mit Farben und Gesten. Mal rockt die Musik oder sie schwebt und manchmal träumt sie vor sich hin oder hängt nostalgischen Gedanken nach, genau wie wir“, sagt Hille Perl zur Adaption dieser Kompositionen. Und in der Tat waren es die mannigfaltigen Affekte von introvertierter Melancholie über die freudige Erregung bis zum exaltierten Zorn, die dieser Musik innewohnen und von „Los Otros“ authentisch wiedergegeben wurden.

Hille Perls voller Ton, den sie in atemberaubenden Dynamiken crescendieren und wieder abschwellen lässt, klingt einfach wunderschön und legt sich wie ein leichtes Seidentuch auf die Akkorde der Chitarrone von Lee Santana und den angenehm wattigen Klang der Gitarre von Steve Player. Der macht dabei seinem Namen alle Ehre und schwingt gar das barocke Tanzbein zum „Balletto Laura Suave“ nach Fabritio Caroso (~1535~1620) oder Kapsbergers Galgliarda. Der Neugier und Freude am Experimentieren und Improvisieren des Komponisten spürt „Los Otros“ in der immer wieder vom Augenblick inspirierten Wiedergabe nach und vermag somit etwas, was selbst viele Profis ihres Fachs oft nicht zustande bringen: Die Musik wird lebendig, scheint im Moment zu entstehen, ist immer wieder neu. Und natürlich anders.

Im Stück „La bella netta ignuda“ von Vincenzo Bonizzi (gestorben 1630) nach Cipriano de Rore (~1516-1565) verziert Perl das Spiel ihrer Partner filigran und doch glutvoll, dann mutet das Spiel der Saiten wieder kantig und rustikal an. Wobei einmal mehr deutlich wird, was „Los Otros“ im Innersten antreibt: Das unbedingte Zulassen aller Ideen und Gedanken fernab jeder Norm und Perfektion. Dieses Loslassen verordnen Perl, Santana und Player auch ihren Hörern und erfüllen den, der zuhört, mit einer wunderbaren Ruhe. Wie sagt Hille Perl doch so passend auf ihrer Website: „People of the world – relax…“

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