» Musik

Musik von würdevoller Klarheit

FRANKFURT (29. März 2026). Eine kleine Evaluation vor Konzertbeginn wäre interessant gewesen: Wer kennt das Requiem von Wolfgang Amadeus Mozart nicht und wer hat das Funeral Anthem for Queen Caroline von Georg Friedrich Händel überhaupt schon einmal gehört? Das Ergebnis hätte man höchstwahrscheinlich auch ohne Umfrage voraussagen können. Daher ist es umso lobenswerter, dass der Kurt-Thomas-Kammerchor Frankfurt jenes sattsam bekannte KV 626 in der Dreikönigskirche mit dieser schlummernden Perle aus dem vokalen Œuvre des von Mozart verehrten Händel kombinierte.

Der österreichische Komponist, Musikhistoriker und Organist Maximilian Stadler (1748-1833) war nicht nur mit Mozart, sondern auch mit Haydn, Beethoven und Schubert befreundet. Sein Name taucht zudem im Streit um die Echtheit von Mozarts unvollendetem Requiem auf, für die er sich verbürgte. Von eben jenem Stadler ist folgender Vorschlag kolportiert: „Wahre Kenner werden sich gewiss einen musikalischen Genuss verschaffen, wenn sie Händels Anthem und Mozarts Requiem vergleichen. Sie werden beide bewundern – und nicht wissen, welchem sie den Vorzug einräumen sollten.“ Auch wenn Mozart natürlich in größeren Lettern angekündigt war, widmete Dirigent Andreas Köhs die erste Konzerthälfte Händel. Und das aus gutem Grund, denn dadurch wurde die Dramaturgie effektvoll und klug gesteigert.

Von HWV 264 gibt es nur wenige Aufnahmen – ein aktueller Katalog listet ganze vier Einspielungen auf. Dabei hat die Trauermusik auf Queen Caroline unwidersprochen ihre Reize, die sie sowohl aus monumentaler Würde als auch aus eindringlicher Klarheit zieht. Man merkt, wie nah der Komponist der späteren Monarchin stand, hatte sich die Freundin der Künste und Wissenschaften doch schon früh für ihn eingesetzt und 1710 seine Berufung auf die Stelle des Hofkapellmeisters in Hannover unterstützt. Das Funeral Anthem entstand 1737 nach dem überraschenden Tod der Königin. Es ist eine der ergreifendsten Totenklagen und inspirierte Mozart, den Beginn des zweiten Satzes für das Kyrie seines Requiems zu nutzen.

Der an nur wenigen, dafür aber offenbar höchst konzentrierten Probenwochenenden bestens einstudierte Kurt-Thomas-Kammerchor wurde vom ebenso gut aufgelegten Telemann-Ensemble begleitet, die Solopartien gestalteten Linda Bennett (Sopran), Julia Diefenbach (Alt), Timm Schuhmacher (Tenor) und Emanuel Fluck (Bass). Hatten die Solisten bei Händel nicht allzu viel zu tun, glänzten sie vor allem in den Mozartpartien. Markenzeichen dieses Quartetts war eigentlich eine die eigene Stimme etwas zurücknehmende, wie mit feiner Feder gezeichnete Intensität, was einzig durch den Tenor konterkariert wurde, der sich hier, weil zu raumgreifend und manchmal auch zu angespannt, leicht deplatzierte. Dafür durfte man Emanuel Fluck kennenlernen: Der junge Bassbariton gestaltete seinen Part mit einer unfassbaren Noblesse, die mehr als aufhorchen ließ!

Doch zurück zu Händel, der dem Chor den Löwenanteil am Funeral Anthem zudachte. Hier hörte man einen äußerst kultivierten, sowohl in den einzelnen Registern als auch im Tutti einnehmend homogenen und wohlintonierten, gesunden Ensembleklang. Mit glasklaren Fugeneinsätzen, sauberer Diktion und Absprache sowie einer in allen dynamischen Abstufungen wohldosierten Präsenz erwies sich der Kurt-Thomas-Kammerchor als zuverlässiger Begleiter beim Entdecken dieses Händelstücks. Schon der Trommelwirbel zu Beginn ließ respektvoll aufhorchen, die folgende Sinfonia war von ehrfürchtiger Erhabenheit geprägt. Überhaupt griffen Chor und Orchester absolut überzeugend ineinander. Besser hätte Händel hier nicht reüssieren können.

Das Stück ist von einer liebevollen Sanftheit getragen. Einzig die wiederkehrende Klage „How are the mighty fall’n!“ – zu Deutsch „Wie sank die Macht dahin“ – bildete eruptive Amplituden. Der Kurt-Thomas-Kammerchor und die Solisten identifizierten sich hörbar mit Händels Fähigkeit, Emotionen in Klang zu übersetzen, was die Interpretation zu einem eindrucksvollen Erlebnis machte: Hier wurde deutlich, wie der Komponist mit musikalischen Mitteln Trauer nicht nur dazustellen vermag, sondern auch in eine Form von Hoffnung und Trost übersetzt. In Erinnerung bleiben der packend flächige Chorklang sowie eine Linienführung, die einem Lichtstrahl gleich weit über das Ende der Notenlinie wies. Der Applaus am Ende des Stücks sprach Bände.

Hatte der Kurt-Thomas-Kammerchor bei Händel trefflich unter Beweis gestellt, wie sicher er sich auch in einem fremderen Repertoire bewegen kann, hörte man ihn mit Mozarts Requiem natürlich auf bekanntem Terrain. Das Publikum erlebte dennoch eine beispielhafte, zutiefst berührende Interpretation. Dirigent Andreas Köhs ist kein Mann der großen Gesten: Er gibt mit vergleichsweise kleinen Bewegungen die notwendigen Impulse. Seine Musikerinnen und Musiker wissen dies und scheinen es zu schätzen: Hier entstand trotzdem große Musik voll tiefer Emotion.

Gewiss könnte man einzelne Szenen herausgreifen, doch würde dies die Erinnerung an eine in sich vollkommen überzeugende Aufführung von KV 626 eher verwässern. Diese Aufführung entzog sich wohltuend jeglicher Routine des Repertoirebetriebs und entfaltete stattdessen eine Deutung, die auf theologische Wahrheit zielte. Chor, Solisten und Orchester begegneten sich in würdevoller Klarheit, die strukturelle Transparenz und emotionale Tiefe freilegte. Oder in aller Kürze: Anders wollte man Mozarts Requiem eigentlich gar nicht hören.

zurück