» Musik

Barockmusik unter Hochspannung

MAINZ (13. August 2019). So langsam biegt der Mainzer Musiksommer in seine Zielgerade ein, drei Konzerte stehen noch auf dem Programm. Angesichts der Musizierfreude, mit der der Blockflötist Maurice Steger mit vier seiner ehemaligen Schüler, die am Beginn vielversprechender Karrieren stehen, die Werke von Corelli, Purcell, de Boismortier, Turini oder Vivaldi spielte, könnte man hier durchaus auch von der „heißen Phase“ des Festivals sprechen.

Laura Schmid, Céline Pasche, Claudius Kamp und Max Volbers sind in ihrem Element, wenn sie mit Steger in wechselnden Besetzungen vom Duo bis zum mit fünf Blockflöten besetzten Tutti spielen. Natürlich ist klar, wer hier der Herr und Meister ist, auch wenn sich der einstige Lehrer als sympathischer Primus inter pares erweist. Hier von einem Gefälle zu sprechen, wäre jedoch zu scharf geurteilt: Die jungen Künstler sind auf einem großartigen Weg und mit wachsender Erfahrung wird auch das Selbstbewusstsein wachsen, um nicht nur über die so fulminant gespielte Musik mit ihrem Auditorium in Kontakt zu treten.

Denn das beherrscht Steger natürlich: Ohne sich aufzudrängen ist er ganz nahe beim Zuhörer – und zwar auf eine Art, dass sich jeder persönlich angesprochen und angespielt fühlt. Fast könnte man sagen, Steger flirtet mit seinem Publikum. Dabei ist er bis zum Bersten angefüllt mit der Freude an der Musik und der Tatsache, dass sich so viele Menschen treffen, um sie anzuhören. Am Ende bedankt sich der Künstler auch genau dafür und betont, wie sehr er den gemeinsamen Abend genossen hat.

Womit er nicht alleine stand: Bereits in der eröffnenden Sonata seconda per canto solo von Giovanni Battista Fontana vollführte Steger kapriziöse Intervallsprünge und spielte Koloraturen, bei denen einem zum Glück nur das Sehen verging. Mehrere Künstler des Abends beherrschen nicht nur Blockflöte: Pasche musiziert auch auf der Barockharfe, Kamp spielt Fagott und Volbers das Cembalo, auf dem er zwischen den Stücken mit pikanten Interludien galante Übergänge schuf. Man spielt äußerst sportlich, ohne in den Verdacht zu geraten, hier nur einem Höher-schneller-weiter zu frönen: Jedes Werk verträgt diesen Elan, ja verlangt nach einer solchen Interpretation.

Auf der Suche nach einem Höhepunkt gibt man rasch auf: Es sind zu viele. Um doch einen zu nennen sei Vivaldis C-Dur-Konzert RV 443 angeführt, das die Künstler des Abends selbst für vier Blockflöten bearbeitet haben und das durch teils perkussives Blasen eine ganz eigene Vitalität entwickelt. Hier spielt Steger nicht mit und lässt seine einstigen Eleven strahlen. Ansonsten liegt der Fokus natürlich auf ihm. Seine ausladende Gestik ist bei Weitem nicht nur Show, sondern Mittel, um einen Raumklang zu erschaffen: In der körperlichen Drehung zieht er leuchtende Tonspuren, sein Spiel sprüht nur so vor tief empfundener Musikalität. So setzt man Barockmusik unter Hochspannung.

zurück