Abheben mit Apollo5
MAINZ (24. Juli 2026). Der Mainzer Musiksommer wirbt zu Recht damit, ein Dreiklang aus Musik, herausragenden Künstlern und stimmungsvoller Architektur zu sein. Dass das Festival in jedem Jahr auch Bühne für ein renommiertes A-cappella-Ensemble ist, wird vom Publikum als erlesenes Markenzeichen goutiert. In der ausverkauften Seminarkirche sang die Gruppe Apollo5 ihr Konzertprogramm „Summertime“, das Musik aus Renaissance und Frühbarock mit Folk- und Pop-Arrangements unserer Tage verbindet.
Im ersten Teil erklang überwiegend klassische Chorliteratur mit Natur- und Sommermotiven, wobei die Musik von Thomas Morley und Claudio Monteverdi alsbald in die Moderne sprang und Stücke von Komponisten wie Benjamin Britten, Eric Whitacre oder Michael McGlynn präsentierte. Mit der Gegenüberstellung klassischer und moderner Stile verfolgten die Künstler die Idee, musikalische Qualität unabhängig vom Genre oder der Epoche, in der die Musik entstand, erfahrbar zu machen.
Penelope Appleyard (Sopran), Stephanie Dillon (Mezzosopran), Thomas Mottershead (Tenor), Joseph Taylor (Tenor) und Augustus Perkins Ray (Bass) bilden die aktuelle Besetzung von Apollo5 und bestachen in Mainz mit einem höchst ausgewogenen Klang, der umso mehr begeisterte, da die einzelnen Stimmen durchaus verschiedene Intensitäten haben. Im Tutti hörte man indes wunderbar austarierte Homogenität und sprachliche Kontur. Der anfangs erwähnte Dreiklang aus Musik, Ensemble und Architektur kam in der für A-cappella-Gesang bestens geeigneten Akustik der Seminarkirche dabei wunderbar zum Schwingen.
Mit funkelnder Intonation und fast mühelos wirkender Transparenz ließen die fünf Sängerinnen und Sänger ihre Stimmen zu einem atmenden Ganzen verschmelzen. Jeder Akkord schien sich organisch im Raum zu entfalten, jede Phrase besaß natürliche Spannung und innere Ruhe zugleich. Dabei faszinierte nicht allein die technische Perfektion, denn zuvorderst war es die Lebendigkeit des Gesangs, die berührte: das gemeinsame Atmen, das feine Timbre der Organe und die fließende Polyphonie verliehen jeder Phrase eine besondere Intensität.
Komponisten, die Gedichte vertonen, schreiben ja nicht nur Musik, sondern übernehmen dabei immer auch die Rollen von Konservatoren. Durch das Medium des Liedes oder Chorsatzes bekommen Verse Intensität und Eigenständigkeit und jede neue Interpretation gibt dem Text eine unmittelbare Präsenz. Im Konzert von Apollo5 konnte man das besonders intensiv bei Whitacres Vertonung des Gedichts „The Marriage“ des Sufi-Dichters Jalal al-Din aus dem 13. Jahrhundert erleben – zweifelsohne ein Höhepunkt des Abends.
Hatte der erste Teil zum aufmerksamen Zuhören eingeladen, genügte im zweiten mit seinen Arrangements von Songs von Bill Withers, Elton John oder The Cords dann stellenweise entspanntes Zurücklehnen. Auch gepflegtes Easy Listening gehört für viele eben zur „Summertime“ und so wechselte das Konzert gewissermaßen vom kontemplativen Kunstraum in die bestens klimatisierte Lounge mit akustischen Longdrinks. Musikalisch waren auch diese Darbietungen über jeden Zweifel erhaben, ließen den Abend dabei jedoch etwas von seiner zuvor so faszinierenden Tiefenschärfe einbüßen.
Der SWR sendet einen Mitschnitt am 30. November und 2. Dezember 2026 im Mittagskonzert zwischen 13.05 und 15 Uhr.


