Klingende Kreszenz im Traubensaal
MAINZ (28. Juli 2026). Dass im Mainzer Musiksommer die Musik die Hauptrolle spielt, ist natürlich klar. Doch auch den Räumlichkeiten, in denen sie erklingt, kommt in diesem Festival eine große Bedeutung zu. Daher ist es immer spannend, wenn hier – wie vor einigen Jahren mit der Aula des Bischöflichen Priesterseminars – neue Konzertstätten erschlossen werden. Auch die Sektkellerei Kupferberg, deren Fürst-Bismarck-Saal schon länger vom Musiksommer bespielt wird, birgt mit dem historischen „Traubensaal“ einen weiteren faszinierenden Konzertraum, der in dieser Saison erstmals genutzt wurde. Zu Gast war der junge Cellist Jeremias Fliedl aus Österreich, der hier die ersten drei Solosuiten von Johann Sebastian Bach interpretierte.
Der „Traubensaal“ war einst anlässlich der Weltausstellung 1900 in Paris für das Deutsche Haus als Weinpavillon entworfen worden. Mit schmiedeeisernem Weinlaub, Trauben und Ranken entstand hier ein Meisterwerk des Jugendstils. Und es passte perfekt zur gehörten Musik, denn auch bei Bach mäandern die Melodien des Solocellos umeinander. Nicht zufällig erinnert das Spiel des Künstlers an das Bild von den Noten als Reben, die durch die Kunst des Interpreten gleichsam zu einer klingenden Kreszenz gekeltert werden.
Jeremias Fliedl tut dies unaufgeregt und hochkonzentriert. Sein Ton ist in jeder Dynamik präsent und im Forte geradezu berückend. Agogisch geht der Künstler sparsam zu Werke, setzt aber gerade dadurch umso feinere Akzente. Vibrato wird zugunsten einer ansprechenden Klarheit weitestgehend vermieden. Bach bleibt bei ihm Bach, romantisiert wird hier nichts. Alles ist im Fluss, jede Suite hat ihren eigenen emotionalen Duktus, dem Fliedl aufmerksam nachspürt: Da ist das unbeschwert Tänzerische in der ersten G-Dur-Suite, süße Melancholie zieht sich durch die zweite in d-Moll, elegische Entschlossenheit prägt schließlich die dritte in C-Dur.
Auf Bitte des Künstlers erklingen alle drei Suiten nacheinander ohne Applaus, den man sich tatsächlich verkneifen muss. So entsteht eine intensive und komplexe Konzertstimmung, die die Architektur dieser Musik besonders betont. Ein Autograph fehlt; es existieren einzig Abschriften, sodass der Interpret selbst die Richtung bestimmen darf, ja muss. Und sind es bei Bach (und bei Telemann ja auch) nicht die Solosuiten für Streichinstrumente, die „Gipfelpunkte der abendländischen Musik“ bilden, womit der Bachforscher Peter Wollny im Programmheft zitiert wird?
Jeremias Fliedl war letzter Schüler von Heinrich Schiff und studierte bei Clemens Hagen und Julian Steckel. Im Oktober vollendet er sein 27. Lebensjahr, spielt jedoch schon heute mit einem ruhigen, abgeklärten Ton, der einen tief berührt. Allein wie er die Sarabande der d-Moll-Suite angeht: ernst, doch auch so kantabel und von einer inneren Ruhe erfüllt, dass die von Doppelgriffen geprägte Musik vom Charakter her an die eindringliche Gambenmusik von Marin Marais erinnert (dessen Musik an diesem Ort sicherlich ebenfalls bestens zum Ausdruck käme). Die Courante zuvor hatte hingegen etwas Ungestümes, ja fast schon Wütendes, was sich auch im anschließenden Menuett und der finalen Gigue spiegelte – als wollte Fliedl der Molltonart trotzen.
So könnte man in jeder Suite, jedem Satz besondere Momente beschreiben, doch etwas in einem sträubt sich dagegen: Fliedls Spiel hallt noch lange nach; viele Worte darüber zu verlieren birgt die Gefahr, die Erinnerung zu verwässern. Ähnliches mag auch der Künstler selbst empfunden haben, als er dem begeisterten Publikum eine Zugabe versagte – die Musik sei zu komplex und er selbst noch so von ihr erfüllt.
Das erste Konzert im historischen „Traubensaal“ war ein Experiment – und es ist gelungen: Der Saal ist nicht zu groß, und die gegebenen Belüftungsmöglichkeiten bedingen eine begrenzte Konzertlänge. Für Soloinstrumente wie das Violoncello eignet sich der Raum besonders gut, weswegen es nach diesem Konzert nur konsequent wäre, wenn das Publikum des Musiksommers Jeremias Fliedl schon bald mit den weiteren drei Suiten begrüßen dürfte. Gemessen am Applaus sollte auch dieses Gastspiel schnell ausverkauft sein.


