Von der Wichtigkeit des Wortes
MAINZ (4. August 2026). Noch klingt das Timbre der wunderbaren Núria Rial nach, die man nur zwei Tage zuvor bei RheinVokal in Bingen gehört hatte, da bekommt man ungeplant eine Begegnung mit einer weiteren großen Sopranstimme geschenkt: Dorothee Mields springt für den erkrankten Kollegen Benedikt Kristjánsson ein, der mit der Harfenistin Margret Koell im Mainzer Musiksommer ein spannendes Programm aus Folksong und Barocklied gestalten wollte. Das Publikum kam mit nur wenigen Änderungen dennoch in den Genuss dieser Idee: Statt isländischen Volksliedern sang Mields jiddische Lieder und nahm damit Bezug auf ihre eigene Familiengeschichte, deren Wurzeln in Osteuropa lagen.
Fast steht der Rezensent vor einem Dilemma, denn hat er nicht alle Adjektive, die eine so wunderbare Stimme beschreiben, in seinem jüngsten Artikel verwendet? Fraglos hat auch Mields ein faszinierendes Organ, mit dem sie einen von der ersten Minute an in den Bann schlägt. Doch die Künstlerin setzt nicht nur auf Stimme, sondern beherrscht die Kunst, jedem Wort ein eigenes Gewicht zu verleihen. Ihr Gesang ist auch immer Sprache: Jede Phrase ist bis ins Letzte durchdacht, ohne akademisch zu wirken.
Kurz vor dem Konzert erfährt man noch vom Veranstalter von den Umständen der Besetzungsänderung. Und eine kleine, aber feine Nuance wirft darauf ein besonderes Licht: Um letztendlich zuzusagen, brauchte Mields nur noch jemanden, der sich derweil um ihre Katze kümmert – Leben pur. Und genau das spiegelt sich auch in ihrem Gesang: Keine große Geste, keine übertriebene Mimik, sondern Wärme. Als die Sängerin das jiddische Volkslied „Schlof mayn feigele“ anstimmt, hört man keinen gefeierten Star der Barockszene, sondern eine liebevolle Mutter, die ihr Kind in den Schlaf singt. Dass sie dies sozusagen a cappella tut und Margret Koell erst später einsetzt, verleiht dieser Szene eine bestechende Natürlichkeit.
Koells Harfenbegleitung imitiert beim englischen Volkslied „Lark in the clear air“ oder John Dowlands Folksongs die Laute, wobei der weitere Tonumfang ihres Instruments den Melodien eine viel größere Intensität schenkt. Erlebte man bei RheinVokal in Bingen große Virtuosität, tritt dieses Konzert bewusst hinter die Musik und ihre immanente Botschaft zurück. Dabei widerlegen beide Künstlerinnen das Diktum „Semper Dowland, semper dolens“: Melancholie muss nicht immer zu Tode betrüben, auch wenn die vertonten Verse tieftraurig sind.
Mields und Koell verstehen sich an diesem Abend eher als Erzähler, wofür sich die Form von Folksong und geistlichem Lied natürlich bestens anbietet. Damit schlagen sie eine Brücke zum Raum der St. Ignaz-Kirche, in dem das Konzert stattfindet: Steht man nämlich vor dem Sandstein-Portal des zwischen 1763 und 1775 erbauten Gotteshauses in der schmalen Mainzer Kapuzinerstraße, so wirkt das gar nicht mal so erschlagend – tritt man dann ein, kommt man aus dem Staunen über die Ausmaße der klassischen Saalkirche nicht mehr heraus. Genauso raumwirkend nimmt man an diesem Abend das „einfache“ Volkslied wahr: als Kleinod, das durch Gestaltung zum Schatz wird.
Neben drei von Margret Koell einnehmend musizierten Solostücken für Harfe – dem „Engelsreigen“ aus ihrer österreichischen Heimat, Dowlands „Frog Galliard“ und einer Bearbeitung des Präludiums 855a aus Johann Sebastian Bachs erstem Band seines „Wohltemperierten Klaviers“ – steht der Liedvortrag im Mittelpunkt. Dorothee Mields spürt dabei vor allem den vertonten Versen nach und zeigt dadurch, dass gerade im Barockgesang das Wort wichtig ist. Dabei kann sie sich auf die Tragfähigkeit ihrer Stimme verlassen, die auch im Pianissimo beeindruckend präsent ist.
Stilistisch bewegt sich die Sängerin an diesem Abend zwischen der Bittersüße eines Dowland, der polnischen Marienklage „Kajze mi sie podzioł mój synocek miły“ mit eruptivem Forte, dem burlesken jiddischen Volkslied „Bulbes“ (das die Kartoffellastigkeit eines familiären Speiseplans beklagt) und den tiefen Glaubenssätzen, wie sie in Bachs Schemelli-Gesängen zum Ausdruck kommen. Jedes Lied hat dabei seine eigene Artikulation und dadurch Charakter. Mit der Arie „Bist du bei mir, geh ich mit Freuden“ aus Gottfried Heinrich Stölzels Oper „Diomedes“ schließt der Abend: Indem Bach sie in das Notenbüchlein seiner Frau Anna Magdalena aufnahm, schenkte er ihr etwas Bleibendes. Und genau das verliehen Dorothee Mields und Margret Koell mit ihrer Interpretation auch diesem Konzertabend.


