» Musik

Sichtbare Klänge

MAINZ (8. August 2026). Wenn Deutschland boulevardesk mal wieder unter der aktuellen Hitze „ächzt“, sehnt sich auch das Publikum des Mainzer Musiksommers nach erfrischender Abkühlung. Doch gerade die war im Fürst-Bismarck-Saal der Sektkellerei Kupferberg an diesem Abend nicht zu haben. Immerhin versuchten zwei Ventilatoren an den Eingängen, etwas Wind vorzutäuschen, sodass man sich auf die eigene Vorstellungskraft verlassen musste. Denn führte einen das Programm mit Werken von Edvard Grieg und Johan Halvorsen nicht nach Norwegen, wo es im Sommer zwischen 15 und 25 Grad Celsius hat?

Wobei: Der Abend hieß nicht „Kühles“, sondern „Wildes Norwegen“. Und diesem Thema spürten die Geigerin Ragnhild Hemsing, Benedict Kloeckner (Violoncello) und Mario Häring (Klavier) mit Feuereifer nach. Dass das so gut gelang, lag auch an einem bestimmten Instrument, das die Künstlerin neben der klassischen Violine spielte: der Hardangerfiedel. Das optisch reich verzierte Instrument verbindet Klarheit und Wärme: Je nach Melodie und Stimmung scheinen die Klänge zu leuchten oder zu flüstern. Wer darauf so wie Hemsing musizieren kann, erzählt dabei auch Geschichten von Natur, Tradition und Jahrhunderten lebendiger Volksmusik.

Der Klang einer Hardangerfiedel besitzt eine beinahe schwebende, geheimnisvolle Schönheit, denn neben den vier Spielsaiten verfügt das Instrument über mehrere Resonanzsaiten, die nicht direkt gestrichen werden, sondern mitschwingen. Dadurch entsteht nicht nur ein weicher, silbrig schimmernder Nachhall, sondern auch eine gewisse raue Rustikalität, was den Tönen eine außergewöhnliche Tiefe und Fülle verleiht. Die Bezeichnung Fiedel passt dabei perfekt, denn sie schenkt dem kunstvollen Spiel Hemsings eine musikantische Note, was in diesem Konzert sowohl dem traditionellen Volkslied als auch – zusammen mit dem Cello – Griegs „Norwegischer Melodie“ gut zu Gesicht stand.

Apropos: Erwiesen sich alle drei als veritable Meister auf ihrem Instrument, blieb das Spiel Benedict Kloeckners besonders in Erinnerung, denn es war nicht nur hör-, sondern auf eine subtil eindringliche Art auch sichtbar. Der Cellist übersetzt seine Töne in eine intensive, jedoch in keiner Sekunde zur Schau getragene Mimik. Verbunden mit einem höchst expressiven Spiel erlaubt der Künstler seinen Zuhörern somit fast schon einen Blick in seine Seele: Kloeckners Blick ist hochkonzentriert und trotzdem gelassen, neugierig, voller Emotion und klangverliebt. Fast möchte man eine Parallele zur Hardangerfiedel schlagen: Bei Kloeckner ist es das Mienenspiel, das dem ausdrucksvollen Ton resonanzsaitengleich eine zusätzliche Ebene hinzufügt.

Derart begeisterte Benedict Kloeckner nicht nur im Zusammenspiel mit Mario Häring bei zwei Sätzen aus Griegs a-Moll-Sonate op. 36, sondern vor allem auch gemeinsam mit Ragnhild Hemsing auf der Geige in Halvorsens „Passacaglia“ nach der g-Moll-Suite von Georg Friedrich Händel. Hier wurde der Titel „Wildes Norwegen“ Ereignis, denn Geigerin und Cellist führten keinen Dialog mehr, sondern eine funkensprühende Debatte. Faszinierend, wie die Künstler dem notierten Stück die Aura der Improvisation verliehen: Der barocke Duktus der Passacaglia war schnell verflogen und wich einem spannungsgeladenen Spektakel, das den Bogen agogisch wie dynamisch fintenreich bis hin zu Csárdás und Gypsy Swing spannte.

Ragnhild Hemsing, Benedict Kloeckner und Mario Häring überzeugten solistisch, im Duo und schließlich mit Griegs Andante con moto in c-Moll auch noch im Tutti, wobei das „Wilde Norwegen“ hier auch seine gefühlvolle Seite zeigen durfte: Selbst im Dur-Part behielt die Musik ihren melancholischen Charakter, der nach dem dramatischen Höhepunkt noch im leisen Verklingen mitschwang.

Wer Ragnhild Hemsing gerne (wieder oder einmal) hören möchte, dem bietet das Mainzer Meisterkonzert „Nordische Weihnacht“ Gelegenheit dazu: Die Künstlerin spielt am 13. Dezember um 18.30 Uhr in der Rheingoldhalle die eigens für Hardangerfiedel und Violine arrangierten Peer-Gynt-Suiten von Edvard Grieg; begleitet wird Hemsing dann von der Deutschen Staatsphilharmonie unter der Leitung von Anu Tali.

zurück