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Rademanns Ruderregatta

FRANKFURT (27. März 2026). Die h-Moll-Messe Johann Sebastian Bachs ist gleich in mehrfacher Hinsicht ein Höhepunkt: Sie krönt das vokale Schaffen des Thomaskantors, ist eines der größten Werke der Chormusik überhaupt und bildet sicherlich auch einen Gipfel der laufenden Saison der Frankfurter Bachkonzerte. In der Alten Oper begrüßte man nun Chor und Orchester der Gaechinger Cantorey und mit Miriam Feuersinger sowie Magdalena Harer (Sopran) Marie Henriette Reinhold (Alt), Patrick Grahl (Tenor) und Felix Schwandtke (Bass) auserlesene Solistinnen und Solisten.

Keine Frage: Vokalisten und Instrumentalisten arbeiten homogen, transparent und sauber. Von diesem Standpunkt aus gehört lässt die Aufführung erstmal kaum Wünsche offen. Dass die Solisten im Chor mitsingen und einzelne Chorstimmen Registern einer Orgel gleich „zugeschaltet“ werden, ist zwar keine neue Idee, aber eine schöne – nicht zuletzt, weil sie historisch verbürgt ist und die entsprechend informierte Aufführungspraxis trefflich flankiert. Dazu trägt hier auch bei, dass im Orchester mit Cembalo und Truhenorgel zwei eigens für diesen Klangkörper geschaffene Nachbauten von Originalinstrumenten aus der Werkstatt des großen Orgelbauers Gottfried Silbermann (1683-1753) zu hören sind.

Einzig die Besetzung mit 15 (plus fünf) Chorstimmen ist für den Großen Saal der Alten Oper zu bescheiden; in jedem Register hätte es noch zwei, drei Sängerinnen und Sänger mehr vertragen können. Zum anderen möchte man fast allen hier zurufen: „Sollte Euch das Singen in diesem Ensemble Spaß machen, sagt es Eurem Gesicht!“ Da wird kaum eine Miene verzogen und einzig Miriam Feuersingers Mimik verrät, wie sehr sie von Bachs Musik erfüllt ist – nomen es omen.

Zum anderen sind schnelle Tempi nicht ehrenrührig, doch sollten sie nie Selbstzweck sein. Wo sich unbestreitbare Virtuosität vor die Musik stellt, verdeckt sie diese; dann bleibt nur noch oberflächliches Bewundern, die Substanz aber geht verloren. Rademann treibt seine Musiker zuweilen derart an, dass Chöre wie das „Gloria“ nur noch gehetzt wirken. Auch geraten die Übergänge zwischen Arien und Chorpartien stockend, so dass kein rechter Fluss entsteht und die Missa zur Nummernrevue wird.

Doch bei aller Kritik: Bachs Musik hat zum Glück eine Größe und Intensität, die man, wenn (wie hier) sauber intoniert und artikuliert wird, eigentlich nicht demolieren kann. Mit Ausnahme jener partiellen Aufführung während einer Abiturfeier 2017 durch Schulchor- und -orchester in einem Gymnasium im südöstlichen Hessen war BWV 232 noch immer ein Genuss. In Frankfurt empfiehlt es sich hierfür allerdings, die Augen zu schließen, denn versäumt man dies, irritiert einen das Dirigat Rademanns mit seinen zur Musik teilweise völlig unpassenden Gesten doch arg. Andererseits ist es auch durchaus erheiternd, fühlt man sich doch tatsächlich an den großen Vicco von Bülow erinnert, wie er 1979 die Berliner Philharmoniker dirigierte. Auffallend ist, wie wenig Chor und Orchester auf ihren Dirigenten achten. Gut so, denn würden sie an dieser rademannschen Ruderregatta teilnehmen, müsste das Konzert wohl eher in Donaueschingen erklingen.

Nein, hier fehlt es schlicht an Führung und es sind eher die Musikerinnen und Musiker, die selbst für die nötige Stringenz und letztendlich das Gelingen sorgen. Dieses Konzert kränkt letztendlich auch an einer – wiederum durch den Dirigenten verantworteten – mangelnden Vielschichtigkeit, die sich durch die Musik doch eigentlich aufdrängt. Rademann lässt seinen Chor dynamisch nämlich kaum von der Leine, so dass der sich selten strahlend über das Orchester wölben kann, sondern zu oft mit ihm verschmilzt – beispielsweise im völlig kantenlosen und verwaschenen „Qui tollis“. Am Ende hört man eine wenig inspirierte, eher pauschale und kaum von Feinheiten geprägte Interpretation, die dieser großartigen Musik einfach nicht gerecht wird und einen daher diesmal auch leider nicht zu berühren vermag.

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