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Bach ganz intim

GEISENHEIM (17. Juli 2013 ). Und wieder ist Konstantin Lifischitz einen Schritt weiter auf seinem Weg, im Rahmen des Rheingau Musik Festivals Johann Sebastian Bachs komplettes Werk für Klavier zu spielen: Der neunte Teil widmete sich den sieben Toccaten BWV 910 bis 916.

Wobei man natürlich spitzfindig fragen könnte: Welches Werk denn für Klavier? Ohne die Autorenschaft der Stücke anzuzweifeln darf man doch sagen: Für dieses Instrument hat Bach gar nichts geschrieben, da es schlichtweg noch nicht existierte. Und doch klingt gerade diese Musik so viel blutvoller, farbiger und prächtiger, wenn man den Deckel des Cembalos schließt und stattdessen den des Konzertflügels aufschlägt.

Wie hätte wohl Bach auf dieses Instrument reagiert? Einen Eindruck davon bekommt das Publikum auf Schloss Johannisberg, als Lifschitz in die Tasten greift. Das tut er mal wortwörtlich und taucht derart unvermittelt in die Musik ein, als spränge er spontan von einer Klippe ins schäumende Meer. Und dann wieder ganz sachte, fast schon zögernd: „Nanu, was sind denn das für Klänge?“ Nicht wie ein Klavierschüler, der sich im Notentext verheddert und vergessenen Tönen nachtastet, sondern wie ein Entdecker. Möglicherweise wie der Komponsit in seinen frühen Jahren, wenn er auf dem Cembalo präludierte und Fugen ersann?

Statt einen glattpolierten Bach ohne Ecken und Kanten abzuliefern (was sicherlich auch von ihm klingen würde) macht sich Lifschitz daran, die Konturen zu befühlen. Da gibt es hochromantische Passagen, in denen er mit Pedal arbeitet und die Läufe Klangkaskaden gleich von der Bühne sprühen. Aber es gibt eben auch die ruhigen Akkorde, die gerade erst im Entstehen scheinen: Ton für Ton baut sie der Pianist auf, scheint den Notentext zu hinterfragen und ihm dann doch einsichtig zu folgen. Wie hat Bach wohl komponiert? Vielleicht ja so, wenn auch wahrscheinlich mit mehr Dissonanzen, bis die gewünschte Melodie da war.

Mit seinen frühen Werken, zu denen die Toccaten zweifelsohne zählen, eckte Bach übrigens mächtig an. Die Quellen sprechen davon, „daß er bißher in dem Choral viele wunderliche variationes gemachet, viele fremde Thone mit eingemischet, daß die Gemeinde drüber confundieret worden.“ So kann man kann es fast verstehen, wenn man dem älteren Paar lauscht, das sich auf dem Weg zum Wagen über die „Kauzigkeit“ des Konstantin Lifschitz echauffiert. Wer rundgelutschte Perfektion erwartet, mag sich eine CD kaufen – dieser Mann macht Musik mit einer ganz eigenen Brillanz, indem er mit der Tradition bricht, sich konsequent dem Virtuosentum verweigert und dadurch doch um so vieles virtuoser spielt.

Sein Anschlag ist impulsiv, Bachs Fugenthemen erklingen so glasklar, dass man sie meint berühren zu können. Lifschitz setzt Akzente, betont und begegnet Bachs Variantenreichtum mit variantenreichem Spiel. Es gibt viele grandiose Momente während dieses Klavier-Rezitals. Die schönsten sind jedoch von einer milden Intimität, die einen – beobachtet man die Mimik des Pianisten, begreift man ihn als gleichsam als Medium – ganz nah an das Original und seinen Schöpfer heranführen. Ist es Zufall, dass mitten in die letzten Töne vor der Pause der Neun-Uhr-Schlag hineinläutet? Das mag auch weiland in Mühlhausen oder Arnstadt passiert sein und Bach verwundert aufblicken lassen: „Nanu, so spät schon?“

„Toccata“ kommt vom italienischen „toccare“, was anstoßen, greifen, schlagen oder berühren heißt. All das tut Konstanin Lifschitz an diesem Abend: Er schlägt die Saiten des Flügels, greift nach den Tönen, stößt Gedankenspiele an – und er berührt tief: Mit diesem Pianisten erlebt man Bachs Musik einmal mehr in ihrer unergründlichen Schönheit – und immer wieder neu. Nächstes Jahr geht’s weiter!

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