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Ein sakrales Konzert

KIEDRICH (29. August 2014). Die Dunkelheit, die die tiefen Streicher im „Agnus Dei“ von Schuberts Es-Dur-Messe intonieren, mag noch so dicht sein: Das Licht des Chores durchbricht sie mit packender Empathie und die flehende Bitte „Dona nobis pacem“ klingt wie entrückt.

Nur kurz verharrt Philippe Herreweghe, dann lässt er die Arme sinken und nimmt den brausenden Applaus des Festival-Publikums entgegen. Und das verdient: Sein Collegium Vocale Gent, ein Solistenquintett und das Orchestre des Champs-Élysées haben die letzte der Schubertmessen in brillanter Einheit musiziert.

Das Werk ist rätselhaft: So manchen Glaubenssatz hat der Komponist nicht vertont. Die Allmächtigkeit Gottes wird hiermit genauso hinterfragt wie die Alleinherrschaft der katholischen Kirche – dennoch ist diese Messe ein hinreißendes Gotteslob. Und das intoniert das Collegium Vocale Gent mit einer so feinen Aussprache, dass man kaum ins Textheft blicken muss: Punktgenau und markant sorgen die Stimmregister dafür, dass der konzertanten Atmosphäre trotz der Auslassungen etwas Sakrales innewohnt. Das „Licht des Glaubens“, es wird vom Chor überzeugend dargestellt: mal als glimmender Docht, mal als gleißende Sonne.

Da ist die ausladende Fuge am Schluss des „Gloria“, das lyrische „Et incarnatus est“ der Solisten im „Credo“, auf das der Chor mit einem jähen „Crucifixus“ antwortet. Das „Sanctus“ lässt Herreweghe mit theatralischer Weite singen, bevor im gedämpften „Benedictus“ erneut die Solisten erklingen: Hier dominiert der Sopran Julia Lezhnevas und penetriert wie zuvor schon die Homogenität der Vokalistengruppe, zu der auch Renata Pokupić (Mezzosopran), Maximilian Schmitt und Sebastian Kohlhepp (Tenor) sowie Nathan Berg (Bass) gehören.

Der sechsten Messe Schuberts war seine siebte Sinfonie vorangegangen, die „Unvollendete“: Und als wollte das Orchestre des Champs-Élysées den Beinamen des nur zweisätzigen Werkes Lügen strafen, legte es eine vollendete Spielfreude an den Tag. Pulsierend lässt Herreweghe das Allegro moderato des ersten Satzes musizieren. Orakelhaftes Raunen der Celli und Bässe, pochende Streicher und getragene Bläser werfen den Hörer sogleich hinein in das Spiel mit dem beschwingten Thema, dem die Sinfonie ihre Popularität verdankt.

Die gesteigerte Dramatik des ersten Satzes lässt den Zuhörer wie auf einer schäumenden Welle reiten, getragen vom dichten Spiel des Orchesters, das ihn immer wieder auf tonalen Ruhepolen absetzt, um ihn dann erneut mitzureißen – Dramatik pur, die einen wohlig schaudern lässt.

Und so klingt das Andante con moto des zweiten Satzes denn auch wie klare Luft nach einem reinigenden Gewitter. Dieser Transzendenz kann auch der kraftvoll einherschreitende Marschduktus nichts anhaben, denn er klingt nicht martialisch, sondern würdevoll majestätisch. Und genauso endet diese „Unvollendete“: mit einem sahnigen Klang, der im Unendlichen verhallt – welch gelungene Einstimmung auf die folgende Messe.

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