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Rheingau Musik Festival 2019 mit politischer Botschaft

OESTRICH-WINKEL (30. Januar 2019). In der ZEIT vom 24. Januar berichtete der türkische Journalist Can Dündar von einer Kontroverse nach einem Konzert des Pianisten Fazil Say, bei dem auch Staatspräsident Recep Tayyip Erdoĝan als Gast im Publikum saß. Der ebenfalls türkische Schauspieler Rutkay Aziz kommentierte diesen Besuch mit den Worten: „Wunderbar, dann hört er etwas Mozart und Beethoven, das tut gut.“ Prompt reagierte der Politiker und polterte: Einen Staatspräsidenten zu zwingen, Mozart zu hören, sei der Gipfel des Faschismus.

Say ist bekennender Regimekritiker. Und als solcher, nicht nur als herausragender Pianist, ist er auch in diesem Jahr Gast des Rheingau Musik Festivals. Was der zuvor geschilderte verbale Ausfall Erdoĝans damit zu tun hat? Nach der unterhaltsamen Selbstbespiegelung „Freunde“ bezieht das Festival in diesem Jahr mit seinem Leitgedanken durchaus auch politisch Stellung: Er lautet „Courage“ und versammelt mutige Künstler wie eben Say oder den Sänger Fetsum sowie früher unbequeme Komponisten wie Dmitri Schostakowitsch. Eine solche Positionierung steht einem Festival dieses Ranges gut zu Gesicht und dokumentiert seine wichtige gesellschaftliche Stellung als Mittler zwischen den Kulturen und Generationen.

Leitgedanke „Courage“
Mit dem Leitgedanken „Courage“ nehmen Intendant Michael Herrmann und sein engagiertes Team „ein soziales, gesellschaftliches und politisches Thema unserer Zeit in den Fokus, das sich mit Begriffen wie Mut, Engagement, Toleranz und Menschlichkeit umschreiben lässt“, heißt es im über 120-seitigen Programmheft, das seit einigen Tagen vorliegt. Das Festival lässt diesen Topos von Künstlern und Ensembles in besonderen Konzerten beleuchten, wobei sich der Blick dabei auf die Zeit der Stalin-Ära in der ehemaligen Sowjetunion über Berlin, wo sich der Mauerfall zum 30. Mal jährt, hin zu gesellschaftlich-politisch engagierten Musikern und interkulturellen Orchester-Projekten aus der ganzen Welt richtet.

Würde das Festival erstmals stattfinden, man könnte ihm angesichts der mittlerweile erreichten Ausmaße statt Courage durchaus Größenwahn attestieren. Doch es ist der 32. Durchgang, so dass die Zahlen vor allem die Erfolgsgeschichte des Rheingau Musik Festivals abbilden: Vom 22. Juni bis zum 31. August finden an 37 Spielstätten 146 Konzerte statt, für die zu Beginn des Vorverkaufs insgesamt 122.000 Eintrittskarten zur Verfügung standen. 112.500 Besucher zählte man im vergangenen Jahr, der Etat 2019 beträgt 2019 wie in den Vorjahren acht Millionen Euro, von denen, ebenfalls seit langem, 99,69 Prozent eigenfinanziert sind.

Zum Programm
Als Artist in Residence spielt der Pianist Daniil Trifonov beim Rheingau Musik Festival in sechs Veranstaltungen Werke von Ludwig van Beethoven bis Arvo Pärt. Auch sein eigenes Klavierkonzert führt er im Rahmen des Festivals erstmals in Deutschland auf. Die Sopranistin Christiane Karg kann man als Fokus-Künstlerin in acht Konzerten mit Musik verschiedener Epochen erleben. Als Fokus-Jazz-Künstler präsentiert Curtis Stigers beim Rheingau Musik Festival mit vier Auftritten seine musikalische Bandbreite und begrüßt hierbei Till Brönner, Larry Goldings und das Stuttgarter Kammerorchester.

Erstmals hat das Festival ein Orchestra in Residence: Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen wird in vier Konzerten mit Musik von Johann Sebastian Bach bis Peter Tschaikowski zu hören sein. Daneben stehen auch in diesem Sommer die Themenschwerpunkte „Next Generation“ und „Jazz & more“ wieder im Vordergrund. Somit beweist das Rheingau Musik Festival einmal mehr, wie wandlungsfähig es ist. Auch die Freunde Alter Musik kommen auf ihre Kosten, wenn auch nicht mehr so intensiv wie in früheren Jahren. Dazu gibt es zahlreiche kammermusikalische Soireen, Chor- und Sinfoniekonzerte sowie Solo-Rezitals – der Claim „Ein Sommer voller Musik“ wird also auf jeden Fall auch 2019 klangvoll mit Leben gefüllt.

Neue Service-Ideen
Das gesamte Programm inklusive des Angebots „Konzertführer live“ und den Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche sowie spannende Einblicke in das Festival bildet der Internetauftritt https://www.rheingau-musik-festival.de ab. Ferner sind zwei besondere Serviceangebote hervorzuheben: Per Mausklick können mittlerweile nicht nur Tickets gebucht, sondern online auch einzelne Plätze im Saal oder Kirchengestühl ausgewählt werden.

Und um der Problematik des stets geringen Parkplatzangebots zu begegnen, kann man zu den Konzerten in Kloster Eberbach und anderen ausgewählten Veranstaltungen nicht nur per Shuttle-Service mit ESWE-Sonderbussen gelangen (die Eintrittskarte ist darüber hinaus im gesamten RMV-Gebiet als Fahrkarte zur An- und Abreise gültig): Seit dieser Spielzeit ist es unter http://www.driverhood.com auch möglich, Mitfahrgelegenheiten finden. Der Vorteil liegt dabei nicht nur in einem hoffentlich geringeren Individualverkehr, sondern auch in der Möglichkeit, aus der Heimatregion neue Bekannte mit dem gleichen musikalischen Hobby und Geschmack kennenzulernen.

Wichtige Unterstützer
Wie in jedem Jahr wurde im Rahmen der Programm-Pressekonferenz in der Alten Kelterhalle im Sitz der Festivalverwaltung auch auf die wichtige Rolle hingewiesen, die die Sponsoren bei der Realisierung der Konzerte spielen. Zusammen mit dem weit über 3.000 Mitglieder starken Förderverein waren es im vergangenen Jahr rund 164 Sponsoren und Unterstützer, die mit einem Gesamtanteil von 45 Prozent das Festival in dieser Dimension überhaupt erst ermöglicht hatten.

Intendant Hermann sowie Marsilius Graf von Ingelheim als für die Gewinnung von Sponsoren zuständiges Mitglied der Geschäftsleitung sind zuversichtlich, auch in diesem Jahr wieder genügend Firmen für diese Art der kulturellen Förderung gewinnen zu können. Wobei es aufgrund immer strengerer Compliance-Regeln auch für die Unternehmen selbst nicht einfacher werde, sich hier entsprechend zu engagieren, wie Dr. Heinz-Georg Sundermann als Geschäftsführer von Lotto Hessen, dem Hauptsponsor des Rheingau Musik Festivals, unterstrich.

Co-Sponsoren sind die Fürst von Metternich-Sektkellerei und die Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) in Verbindung mit der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen. Als Premium-Projektpartner agieren die Brass-Gruppe, die Commerz Real AG, die Deutsche Börse Group, die Deutsche Leasing Gruppe, die Deutsche Post AG, die R+V Versicherung AG sowie die UBS Deutschland AG. Offizieller Automobilpartner ist die Škoda Auto Deutschland GmbH, Lufthansa ist die Official Airline. Medienpartner des Festivals sind der Hessische Rundfunk sowie Deutschlandradio und die Deutsche Welle.

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