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Gemüths-Ergetzung statt Babiturat

KIEDRICH (30. Juli 2021). Wen hat man nicht schon alles mit Bachs „Goldberg-Variationen“ im klangschönen Laiendormitorium von Kloster Eberbach gehört: 2015 den grandiosen Kit Armstrong, 2014 den nicht minder herausragenden Konstantin Lifschitz, Martin Stadtfeld und Simone Dinnerstein. Immer wieder lädt das Rheingau Musik Festival Pianistinnen und Pianisten ein, mit diesem Werk am Steinway zu glänzen. 2018 sollte hier Mariam Batsashvili auftreten, war jedoch erkrankt. Nun spielte sie BWV 988 Corona bedingt gleich zwei Mal an einem Abend, was ja schon für sich eine Leistung darstellt.

Nun besagt die Legende ja, dass Bach seine Variationen für den Klavierschüler Johann Gottlieb Goldberg komponiert hat, der diese dann seinem Vormund Graf Hermann Carl von Keyserlingk gegen dessen Schlaflosigkeit vorzuspielen hatte – wohlgemerkt „zur Gemüths-Ergetzung“ und nicht etwa als Babiturat. Insofern ist die Wahl des Ortes in Kloster Eberbach immer auch mit einem Augenzwinkern zu genießen.

Tatsächlich glich die Interpretation von Mariam Batsashvili nicht etwa der Nacht, sondern eher einem Tag: Mit der eröffnenden Aria ließ die Künstlerin mit einem unglaublich lang gezogenen Crescendo gleichsam die Sonne auf- und am Schluss elegant retardierend und dynamisch vergehend auch wieder untergehen. Dazwischen erlebte der derart aufgeweckte Zuhörer einen erlebnisreichen Tag, dessen Ereignisse Batsashvili in 30 Bildern festhielt.

In der Variatio 1 drängt sie mit wohl dosierter Hektik zum Aufbruch, holt mächtig Schwung, Variatio 2 klingt als Kontrapunkt humorvoll gelassen, Variatio 3 lässt sie agogisch leicht flackern, in Variatio 4 beeindruckt ihr kraftvoller Anschlag vor allem in der linken Hand, Variatio 5 dokumentiert geradezu schon akrobatischen Schick. So könnte man jede einzelne Veränderung der Aria durchgehen: Immer wieder beleuchtet Batsashvili die Musik von einem anderen Blickpunkt aus – mal energiegeladen und kraftvoll, mal als Ruhepol oder dicht gewobenen Melodiefluss.

Ihr Anschlag ist kraftvoll, ihr Spiel derart transparent, dass man einzelne Tonläufe glasklar nachverfolgen und dabei auch mal von einem zum anderen „switchen“ kann, ohne Anschluss oder Überblick zu verlieren. Das Pedal setzt die Pianistin wohldosiert ein, als dynamisch abgestuftes Stilmittel, ohne der barocken Musik einen zu romantischen Klang überzustülpen, was ja bei der Darbietung von Bachs „Klaviermusik“ auf dem Flügel immer ein gewisses Risiko darstellt.

Das einzige, das Batsashvilis Interpretation der „Goldberg -Variationen“ unterm Strich doch ein wenig fraglich erscheinen lässt, ist die relative Eile, mit der sich die Pianistin durch die Aria mit ihren 30 Veränderungen bewegt. Nicht nur, dass sie statt der im Programm angekündigten etwa 80 Minuten Konzertlänge BWV 988 in weniger als 70 Minuten nimmt: Bei den langsamen, verhaltenen Stücken erlaubt sie sich (und dem Publikum!) kein Innehalten auf dem letzten Ton und damit leider auch keine Möglichkeit des Nachsinnens über das soeben Gehörte, bevor sie sich schon wieder in die nächste Variation stürzt. Dadurch hat das Konzert eher etwas von einer klugen, etwas distanzierten Abhandlung, ja einer musikalischen Nummern-Revue – die allerdings hochvirtuos dargeboten wurde.

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