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Pilzkopf trifft auf Puderperücke

KIEDRICH (17. Juli 2026). Wer das Programmheft des Rheingau Musik Festivals durchblättert, steht nicht selten vor der Qual der Wahl: Allein an diesem Abend locken gleich vier Konzerte: mit dem Tenebrae Choir in Bad Homburg, dem Violinisten Joschu Bell und der Academy of St Martin in the Fields im Wiesbadener Kurhaus, ein Dämmerschoppen mit Beat Box auf Burg Crass und ein besonderer Leckerbissen: „Beatles go Baroque“ mit dem Hilaris Chamber Orchestra in Kloster Eberbach – sicher das Ausgefallenste, was der Abend zu bieten hat.

Denn dem Orchester steht Peter Breiner vor, der schon vor mehr als 30 Jahren mit barocker Stilistik und den Evergreens der Fab Four experimentierte, indem er die bekannten Melodien in barocken Arrangements verpackte oder gleich mit bestimmten Werken von Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel oder Antonio Vivaldi kombinierte. Das daraus entstandene Album gehört bis heute zu den Bestsellern des Labels Naxos, 27 Jahre später folgte eine zweite Einspielung. Das Crossover hat bis heute nichts von Charme und Raffinesse verloren.

Eigentlich sollte das Konzert im Kreuzgang stattfinden. Unwetterwarnungen zwangen das Festival jedoch kurzfristig zum Umzug in die Basilika. Doch auch dort erlebte das Publikum ein unterhaltsames wie originelles Konzert, das einen schönen Glanzpunkt im diesjährigen Festivalschwerpunkt „Spot on: United Kingdom“ zu setzen vermochte.

Und so begegneten die Beatles den Heroen der Barockmusik: „Lady Madonna“, „Honey Pie“ und „Penny Lane“ waren als Allegro eines Concerto Grosso im Stil Händels zu hören, „I Want to Hold Your Hand“ oder „Day Tripper“ stahlen sich munter ins a-Moll-Violinkonzert BWV 1041 von Bach und sieben Songs von „A Day in the Life“ über „Back in the U.S.S.R“ bis „Get Back“ verschmolzen gekonnt mit Sätzen aus Vivaldis „Vier Jahreszeiten“. Das Hilaris Chamber Orchestra spielte präzise und vital, wobei es den barocken Gestus ebenso selbstverständlich bediente wie die melodische Eingängigkeit der Beatles.

Ein stupender Spaß, der gleich auf mehreren Ebenen überzeugte: Man hörte sowohl gut musizierte „Alte Musik“ als auch witzig adaptierte Beatles-Songs und zusammen eben einen spitzigen Stilmix. Vor allem die Leistung der brillanten Solisten begeisterte: Juraj Cizmarovic und Alan Vizváry (Violine) sowie Lukáš Polák (Violoncello) musizierten mit viel Esprit. Gerade Cizmarovic gab seinen Soli nicht selten einen gehörigen Schuss Csárdás mit auf den Weg, was pointiert den für das barocke Concerto grosso typischen kontrastreichen Wechsel von Concertino und Ripieno unterstrich. Peter Breiner dirigierte vom Cembalo aus und hatte ebenfalls hör- und sichtbar Freude an der Wirkung seiner Musik.

Die Idee, barocke Musik mit modernen Stilrichtungen zu verbinden, ist freilich nicht neu. Man denke nur an den 2019 verstorbenen Jacques Loussier, der den immanenten Swing in der Musik Bachs freilegte (und ebenfalls gern gehörter Gast des Rheingau Musik Festivals war). Peter Breiner kleidete für das Programm Beatles-Songs sozusagen barock ein. Und vielleicht war man ja nicht der Einzige, der augenzwinkernd an das musikalische Spektakel des italienischen Orchesters Rondò Veneziano dachte, das in den 1980er-Jahren mit seiner Mischung aus barocker Anmutung und moderner Unterhaltungsmusik große Erfolge feierte und mit Stilkopien aus der Feder des Dirigenten Gian Piero Reverberi ein breites Publikum unterhielt.

Doch Peter Breiner verfolgt einen anderen Ansatz und braucht dafür weder Schlagzeug noch Synthesizer. Seine Arrangements sind klug konstruiert, ohne akademisch zu wirken und sich selbst allzu ernst zu nehmen. Und genau darin liegt ihre Stärke: Sie behaupten nicht, die Beatles zu „veredeln“ oder den Barock „populärer“ machen zu müssen. Stattdessen begegnen sich zwei musikalische Welten auf Augenhöhe – auch wenn Bach vermutlich gelegentlich irritiert die Perücke gerichtet hätte. Am Ende erlebte man eine Art musikalisches Lentikularbild – besser bekannt als Wackelbild –, bei dem die akustische und stilistische Wahrnehmung immer wieder wechselte: Mal schoben sich die Beatles-Songs in den Vordergrund, mal Bach, Händel oder Vivaldi.

Das Rheingau Musik Festival erweitert sein Programm seit Jahren um neue Formate. Gerade Konzerte wie dieses, die musikalische Welten miteinander verbinden und sowohl Puristen als auch unbefangene Hörer ansprechen, sind da ein echter Gewinn. Bitte mehr davon!

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