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Trost als essentielle Kraft der Musik

KIEDRICH (30. Juli 2026). Eine persönliche Notiz vorab: Als der Autor vor rund 25 Jahren eine CD des Windsbacher Knabenchors entdeckte, auf der dieser zusammen mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin das Deutsche Requiem von Johannes Brahms aufgenommen hatte, dachte er zunächst: „Wie kann man dieses Werk, für das es doch einen großen, gemischten Chor braucht, nur mit einem Knabenchor aufnehmen!?“ Schließlich hatte Brahms diese Musik für einen Chor von 200 Sängerinnen und Sängern komponiert. Nach dem Hören der CD erwies sich dieses Diktum jedoch als fatales Fehlurteil: Man kann! Und die Windsbacher – damals unter der Leitung von Karl-Friedrich Beringer – erst recht.

Nun hat der Chor Brahms‘ Opus 45 erneut ins Programm genommen. Und sich hierfür Verstärkung aus dem hohen Norden geholt: Da Chorleiter Ludwig Böhme fürchtete, seine Sänger allein könnten vielleicht Probleme haben, sich gegen das Orchester zu behaupten, traten die Windsbacher nun mit den Cantores Minores, Finnlands bestem Knabenchor auf. Das Publikum des Rheingau Musik Festivals erlebte in der Basilika von Kloster Eberbach das erste von drei Konzerten in Deutschland; ihnen folgt im Oktober der Gegenbesuch im Land der tausend Seen.

Zu Beginn des Konzerts sangen die Windsbacher noch a cappella: die Motette „Warum ist das Licht gegeben den Mühseligen“ op. 74 ebenfalls von Johannes Brahms. Und schon hier bewies der Knabenchor, warum auch er zu den besten zählt: flächiger Klang, makellose Intonation, Transparenz, eine homogene Mischung aus immer wieder überraschend reif klingenden Männer- und juvenilen Knabenstimmen. Dass Ludwig Böhme ausgerechnet diese, eine Frage vertonende Motette an den Beginn stellte, offenbarte zudem eine kluge Dramaturgie, lieferte das Deutsche Requiem dann doch weitere theologische Antworten. Einem Herrn in der Sitzreihe hinter einem entglitt noch kurz vor dem Applaus ein „Wow“, dem eigentlich nichts mehr hinzuzufügen war.

Zugegeben: Als im Anschluss immer mehr junge Sänger die eigens für dieses Konzert erweiterte Bühne in der Basilika betraten, fragte man sich angesichts der Enge, der Temperaturen von zeitweise über 35 Grad Celsius und der knapp bemessenen gemeinsamen Probenzeit, ob das Konzert wohl dieselbe Qualität wie der A-cappella-Beitrag erreichen könnte – so viel sei geteasert: zweifelsohne.

Der Knabenchor aus finnischen und deutschen Sängern, dem man in keiner Note die eigentliche Bilingualität anmerkte, überzeugte auf ganzer Linie und beeindruckte (natürlich) mit kraftvollen Fortissimo-Passagen, aber auch mit erlesener Pianokultur. Beide Chöre sind offenbar bestens vorbereitet worden: die Windsbacher von Ludwig Böhme und Andreas Fulda, die Cantores Minores von Hannu Norjanen (der dann auch die drei Konzerte in seiner finnischen Heimat dirigieren wird).

Der erste Satz beginnt langsam, die Stimmen setzen schwebend ein. Da das Werk rein orchestral beginnt, sei an dieser Stelle auf die Qualitäten der Stuttgarter Philharmoniker eingegangen, die die Windsbacher hier vor vier Jahren beim „Elias“ von Felix Mendelssohn Bartholdy ebenfalls begleitet hatten: Auch an diesem Abend begeisterten die Musikerinnen und Musiker mit ausgewogener Transparenz sowie hoher technischer Präzision und zeichneten ein ausdrucksstarkes, dabei aber auch elegantes Klangbild. Dem Chor kommt in Opus 45 zwar die gewichtigste Rolle zu, doch braucht der vokale Part den orchestralen. Und hier gingen beide Ensembles eine faszinierende Partnerschaft ein.

Ludwig Böhmes Interpretation setzt auf Intensität, persönlichen Ausdruck. So klingt die Musik im ersten Satz, wenn der Chor vom Trost der Leidtragenden singt, wie eine feste und warme Umarmung, in der man sich für einen Moment unantastbar wähnt. Im zweiten Satz packt einen der pulsierende Duktus: Man spürt förmlich, wie die Musik einer ständig ansteigenden Flut gleicht, was sich dann kaskadenhaft entlädt – auch hier wirkt die Darbietung fast schon physisch. Als der Chor „Aber des Herrn Wort bleibet ewig“ intoniert, weiß man: Die Sänger, so jung oder klein sie auch sein mögen, sind sich der Tragweite ihrer Worte bewusst. Die besungene „ewige Freude“ klingt schließlich erschöpft – aber wohl gemerkt nicht matt, sondern schlicht glückerfüllt.

Im dritten Satz hat Bariton Daniel Ochoa seinen ersten Einsatz. Aber anstatt dem Menschen, der Gott um die Einsicht des „Memento mori“ bittet, eine gewisse Demut zuzugestehen, tritt er energiegeladen auf. Das aber wirkt nicht. Ein Missverständnis der Rolle? Im sechsten Satz wird das angestimmte Selbstbewusstsein sehr viel besser passen. Und da wir gerade dabei sind: Ilse Eerens versieht ihre Sopranarie im fünften Satz mit einem so ausgeprägten Vibrato, dass die musikalische Linie viel zu sehr an Kontur und Ausdruckskraft verliert – ein intonatorisches Aquarell statt feiner Federzeichnung. Dass der über 140 Mann starke Knabenchor auch leise Töne anstimmen kann, hat er bereits bewiesen, weswegen es wundert, dass Böhme im vierten Satz, in dem von lieblichen Wohnungen die Rede ist, dynamisch gleich mehrere Etagen belegt. Doch das sei nur am Rande erwähnt.

Wie bereits erwähnt: Dieser Doppelchor kann auch laut. Das aber mit Kraft, nie mit Gewalt: Im sechsten Satz erklingt jene lebensbejahende, den Tod geradezu verspottende Passage, auf die sich jeder Sänger, der das Brahms-Requiems mitsingen darf, wohl mit am meisten freut. Die Windsbacher und die Cantores Minores singen diese Partie mit Inbrunst, aber keinesfalls übertrieben. Ohnehin beeindrucken hier den Abend über hohe Konzentration sowie Disziplin. Eine kurze Schrecksekunde dann vor der Fuge, als das ansonsten perfekte Miteinander ganz kurz aussetzt – doch nicht nur im Orchester, auch im Chor sind Profis am Werk, die sich sofort wiederfinden, als wäre nichts gewesen: Aufatmen, Zurücklehnen und Genießen der punktgenauen Einsätze bei „Herr, Du bist würdig“, einer der großartigsten Chorfugen des 19. Jahrhunderts – im Ton nicht pathetisch triumphierend, sondern als tief empfundene Aussage christlichen Glaubens.

Auch im finalen siebten Satz verzichtet Johannes Brahms bewusst auf jede Geste des Triumphs. Mit den Worten „Selig sind die Toten“ schließt sich der Kreis zum Beginn des Werkes. Und nach den existenziellen Erschütterungen zuvor kehrt eine Ruhe ein, die trägt: Der Windsbacher Knabenchor, die Cantores Minores und die Stuttgarter Philharmoniker entlassen das Publikum nicht mit der Antwort auf alle Fragen – aber in der Gewissheit, dass Trost zu den größten Kräften der Musik gehört.

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