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Pomp & Circumstance

KIEDRICH (13./14. August 2026). Deutschland ist eine Demokratie – zum Glück, auch wenn die Stimmenfänger vom rechten Rand nur zu gerne die Axt daranlegen wollen. Dass auch die Monarchie ein Volk einen kann, zeigt sich nicht zuletzt, wenn es bei den europäischen Royals – und hier vor allem in England! – etwas zu feiern gibt. Dann heißt es Pomp and Circumstance – ob sich nun 2022 König Charles III. oder 1727 George II. die Krone aufsetzen ließ.

Eben jene Krönungszeremonie vor fast 299 Jahren durfte jetzt das Publikum des Rheingau Musik Festivals erleben. Kloster Eberbach statt Westminster Abbey: Für den Festivalschwerpunkt „Spot on United Kingdom“ hatte man den Choir of King’s Consort und das King’s Consort unter der Leitung von Robert King eingeladen, um jenes Programm aufzuführen, mit dem die Ensembles bereits 2013 den Rheingau zur royalen Festspielstätte erhoben hatten. Hier erklang nun also erneut die historisch genau rekonstruierte Krönungszeremonie König Georges II. mit Musik und salbungsvollen Worten an den Monarchen und sein Volk. Tags darauf war dann Georg Friedrich Händels „Messiah“ zu hören.

Über den Musikgeschmack deutscher Staatslenker lässt sich ja sicherlich streiten: Ging es 1998 beim Großen Zapfenstreich von Helmut Kohl mit „Des Großen Kurfürsten Reitermarsch“, der Europahymne und dem Choral „Nun danket alle Gott“ noch eher konventionell zu, erklangen bei Gerhard Schröder Berthold Brechts „Macki Messer“, George Gershwins „Summertime“ und Frank Sinatras „I did it my way“; bei Angela Merkel war unter anderem Nina Hagens „Du hast den Farbfilm vergessen“ zu hören und bei Olaf Scholz gab es immerhin Auszüge aus Johann Sebastian Bachs zweitem Brandenburgischen Konzert und Aretha Franklins „Respect“. Der englische König George II. hatte seinerzeit einen neuen britischen Staatsbürger mit der Komposition seiner Festmusik beauftragt: Händel.

Die für die Krönung des Monarchen komponierten Coronation Anthems kennt man eher außerhalb des zeremoniellen Kontexts, hat sie als Werkekanon im Konzert oder auf CD gehört. In ihrem ureigentlichen Rahmen spielten sie sicherlich eine wichtige Rolle, doch stand das gesungene Wort im Mittelpunkt, nicht die virtuose Geste. Robert King spielt an diesem Abend beide Trümpfe aus, setzt in den schnelleren Sätzen stilistische Akzente und in den langsameren auf die musikalische Textausdeutung. Mit den 23 Stimmen des Choir of King’s Consort und dem King’s Consort hat er buchstäblich zwei erlesene Ensembles an der Hand, wobei sein durchaus markantes Dirigat keine allzu große Geste braucht, sondern durch präzisen Schlag überzeugt.

Die Musikerinnen und Musiker haben hörbar Spaß an diesem akustischen Spektakel, das schon allein mit dem Einzug von sechs (!) ausgezeichneten Naturtrompeten und fünf Trommeln unfassbar feierlich beginnt. Nicht nur als die sich dann für eine weitere Fanfare vor dem Orchester aufstellen, spürt man wohlige Gänsehaut. Zuvor hat Glockengeläut vom Band die Basilika sozusagen re-säkularisiert. Natürlich erlebt man mit einer solchen Wiederbelebung der historischen Zeremonie eine Show. Der fehlt es jedoch keinen Augenblick lang an feierlichem Ernst und Würde. Es erklingt nicht nur Musik, sondern auch das gesprochene Wort des Erzbischofs, der die Ehrerbietung für den neuen König einfordert. Eine historische Pointe am Rande: George II. regierte England in einer parlamentarischen Monarchie, war als Kurfürst von Hannover jedoch zugleich absolutistischer Landesherr.

Die Krönungszeremonie aus Recognition (Anerkennung), Litanei von Thomas Tallis (wobei weder der vorsingende Bischof aus den Reihen des Chores noch das Ensemble intonatorisch auch nur um eine Nuance absinken), Anointing (Salbung), Investiture (Einkleidung und Übergabe der royalen Insignien), Crowning (Krönung), Homage (Huldigung) und schließlich Crowning of the Queen (Krönung der Königin) wird von geistlichen Gesängen von William Child, Henry Purcell, John Farmer, Orlando Gibbons und John Blow sowie Händels Anthems flankiert. Damit folgt das Konzert minutiös dem überlieferten Programm, das seinerzeit durch ständige Änderungen hinter den Kulissen für heilloses Chaos sorgte.

Auch wenn an diesem Abend natürlich kein König gekrönt wird, hat er etwas Erhabenes. Und Erhebendes: Die Choristen übernehmen die Rolle der Edlen und Amtsträger, die den imaginären König hochleben lassen und das Orchester stimmt, begleitet von der eigens installierten digitalen Allen-Orgel, mit dem vokalen Klangkörper als Gemeinde den Choral „Come, Holy Ghost“ an.

Fast treten die Coronation Anthems dabei etwas in den Hintergrund, auch wenn King nicht zuletzt mit „Zadok the priest“ natürlich alle Register zieht. Gerade hier zeigt der Chor, dass er in der Champions League singt und man erlebt diese Grandezza mitreißend kraftvoll, doch stets transparent sowie klar in Duktus und geschmackvoll-britischer Diktion, was dem King’s Consort wiederum als blitzblanke Projektionsfläche dient. So wünscht man sich englische Kirchenmusik der Barockzeit: klangprächtig und mit Verve, doch dabei stets mit einer gewissen, selbstbewussten Noblesse – getragen von Interpreten, denen Sprache, Diktion und musikalischer Gestus gleichermaßen selbstverständlich sind.

Am Ende ziehen die Bläser und Trommler wieder feierlich aus, das Licht wird immer schwächer, bis die Bühne im Dunkeln liegt und nur noch die Kerzen an den Pfeilern das Kirchenschiff illuminieren. Die Krönung ist zu Ende, das „Volk“ darf jubeln, was es auch ausgiebig tut. Und im Schlussapplaus schwingt spürbar ein dankbarer Publikumswunsch für den Dirigenten mit: „God save (the) King! Long live (the) King!“

Am nächsten Abend dann in fast gleicher Besetzung Händels „Messiah“ – ein Werk, das in den Programmen des Rheingau Musik Festivals eigentlich schon zum Inventar gehört und immer ein großes Publikum anzieht. Die Basilika ist nahezu ausverkauft, Spannung liegt in der Luft: Wie wird Robert King dieses große, aber eben auch sattsam bekannte Werk angehen? Die Antwort kommt bereits mit den ersten Tönen der eröffnenden Sinfonie: Recht flott. Und in den folgenden knapp zweieinhalb Stunden komponiert der Dirigent die Zutaten für ein geistliches Konzert feinsinnig und formvollendet zu einem gut geschüttelten Cocktail, der einen rührt.

Immer wieder blitzen überraschende Facetten des Werks auf: spannende Übergänge zuweilen fast schon attacca, dynamische Bögen und Volten. Chor und Orchester erweisen sich erneut als erfahrene Teamplayer, wobei vor allem die Instrumentalisten ihrem flächigen Klang mit Wellenbewegungen und dynamischen Schichtungen eine beinahe plastische Räumlichkeit verleihen. Der Chor ist heute allerdings etwas, nun ja: ausgelassener, reizt die Skala des kultivierten Ensembleklangs zuweilen gerne mal aus, auch im Tempo. Dabei verlassen die diesmal nur 20 Stimmen bewusst eine akademische Zurückhaltung und lassen dynamisch die Muskeln spielen. Aber warum auch nicht? Die Chorpartien des „Messiah“ vertragen ein solches Ausbrechen aus gängigen Denkmustern durchaus und die Sänger rutschen nur bei „The Lord gave the word“ ins eher Rustikale.

Auch heute sind Lebendigkeit und Spielfreude also unvermindert präsent und prägen das Geschehen durchgehend mit großer Intensität. Dazu tragen aber auch die Solisten Hilary Cronin (Sopran), Hilary Summers (Alt), Joshua Ellicott (Tenor) und Marcus Farnsworth (Bass) bei, die man in Erinnerung an die Krönungszeremonie gestern durchaus als Juwelen in der Insignie bezeichnen kann, die Robert King seinem „Messiah“ an diesem Abend aufsetzt. Interessanterweise hat der Dirigent ausgerechnet dieses Werk noch nicht aufgenommen.

Die Entdeckung des Abends ist zweifelsohne der Tenor: Joshua Ellicott hat den „Messiah“ 2017 szenisch in Bristol aufgeführt. Diesen Spirit bringt er auch in Kloster Eberbach auf die Bühne, was seinen Partien eine Präsenz gibt, der man sich schlicht nicht entziehen kann. Und diese Stimme! Sie besitzt die Leuchtkraft polierten Silbers, bleibt dabei aber stets warm und persönlich. Wirkung erzielt Ellicott weniger durch vokale Opulenz als durch Eleganz, sprachliche Präzision und eine fast kammermusikalische Feinzeichnung.

Genauso überzeugt Marcus Farnsworth, wenn er das Geheimnis der Auferstehung preisgibt: Mag die Basilika auch voll Menschen sein – der Sänger scheint einen persönlich anzusprechen. Einen aparten Kontrast bilden die beiden Hilarys: Cronin singt mit kristallklar strahlender Sopranstimme, während Summers‘ Kontraalt eher die Tiefe auslotet und -leuchtet. Ein perfektes Quartett. Chor, Orchester, Solisten und nicht zuletzt Robert King machen diesen „Messiah“ also zu einem (notabene äußerst kurzweiligen) Erlebnis – und das schenkt die Erkenntnis, dass es nie die eine Interpretation gibt und sich Offenheit gegenüber anderen Ansätzen stets lohnt.

Rückblickend auf beide Abende führt das zu folgendem Fazit: Das Publikum erlebte in Kloster Eberbach zwei grandiose Konzerte und im Rahmen der rund 50 Veranstaltungen des Schwerpunkts „Spot on United Kingdom“ sicherlich Höhepunkte. Sowohl nach der Krönungsmusik Georges II. als auch nach dem Verklingen der finalen Amen-Fuge im „Messiah“ wusste man: Pomp & Circumstance geht auch ohne Edward Elgar.

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