Mr. Purcell bittet zum Tanz
Dass eine Konzertreihe ihren hohen Anspruch an Qualität und Exklusivität nicht aufgibt, wenn sie sich anderen musikalischen Strömungen öffnet, stellt das Rheingau Musik Festival seit Jahren unter Beweis. Besonders spannend wird es, wenn ein Programm mit Alter Musik alles Puristische über Bord zu werfen scheint und einmal mehr zeigt, wie unterhaltsam die „Ernste Musik“ sein kann.
Im Laiendormitorium von Kloster Eberbach zeigte das Ensemble „The Curious Bards“ jetzt eine eher selten beleuchtete Seite des kompositorischen Schaffens von Henry Purcell. Denn neben Theatermusik wie „Dido and Aeneas“, Kammermusik oder geistlichen Werken wie den feierlichen Anthems ist da noch so viel mehr zu entdecken: zum Beispiel Henry, den Kneipengänger.
Das aktuelle Programm des französischen Ensembles heißt „Rebellion!“. Und die erwuchs noch nie aus gelehrten Klängen, sondern wurde seit jeher von den populären Liedern ihrer Zeit getragen. Gerade Purcell hatte einen wachen Blick für diese Musik auf Tanzböden und in Spelunken, die er wie ein Schwamm aufsog und als vitalisierendes Fluidum auch in seine Kunstmusik einfließen ließ. Das Konzert der „Curious Bards“ im Rahmen des Rheingau Musik Festivals und seines Schwerpunkts „Spot on: United Kingdom“ zeigte, dass bei diesem Komponisten das eine nicht ohne das andere zu haben ist: Tanz- und Kunstmusik sind keine Gegensätze, sondern nur zwei Seiten derselben musikalischen Münze.
Und wie die an diesem Abend funkelt: mit Airs, Jigs und Hornpipes aus Schauspielmusiken, schottischen und irischen Tunes, Trinkliedern und Catches, vor allem humorvollen mehrstimmigen Gesängen, gewissermaßen ein populärer Gegenentwurf zum Madrigal. Dazu gibt es Arien und Songs aus Purcells Bühnenwerken, musiziert von ansteckend gut gelaunten Künstlerinnen und Künstlern: Ensembleleiter Alix Boivert spielt Barockvioline, Sarah van Oudenhove Viola da Gamba, Louis Capeille Tripelharfe und Sarah Dubus Blockflöten sowie Zinken. Eigens für dieses Projekt haben die „Curious Bards“ ein Renaissance-Cister fertigen lassen, das Jean-Christophe Morel (neben der Geige) spielt: ein gezupftes Instrument mit acht Metallsaiten und einem hellen, prägnanten und resonanzreichen Ton. Der Nachbau ist dabei weit mehr als äußerliche historische Detailtreue: Purcells Musik wird hier aus der Perspektive ihrer Zeit meisterhaft und vor allem neu hörbar.
Über all dem schwebt der Mezzosopran von Ilektra Platiopoulou, die mit „Sawney is a bonny lad“ oder „Oh! How You Protest“ wie ein Sonnenstrahl die klingenden Schwaden aus Tabakqualm und Bierdunst eines imaginären Alehouse im London des 17. Jahrhunderts durchbricht. Im YouTube-Kanal des Ensembles kann man tatsächlich eine lässige und unkonventionelle „Smoking Room Session“ erleben (auch wenn die Aschenbecher dabei natürlich leer bleiben).
Mit einem klangvollen Ruck heben die Künstlerinnen und Künstler also den großen Purcell vom Sockel, der ihn bislang eher als Komponisten für theatrale, höfische oder sakrale Räume präsentiert hat. Und genau auf diesen erlösenden Moment scheint der Meister gewartet zu haben, denn nun schwingt er, verkörpert durch seine Musik, das Tanzbein. Schon allein die eröffnende Symphony aus „The Fairy Queen“, Purcells auf William Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ basierender Semi-Oper, hat eine animierende Körperlichkeit. Und viele der rund 450 Gäste können ihre Füße an diesem Abend kaum stillhalten.
Aber genau das ist mehr als gewollt: Die ausgewählte Musik hat etwas Federndes, fast schon Freches. Ursprünglich zum Tanzen gedacht, wird sie mit prickelnder rhythmischer Finesse zu Kunstmusik, ohne auch nur einen Moment ihrer physischen Energie zu verlieren. Mag klassische Musik vielen Menschen heute fern erscheinen, war sie das für Purcells Zeitgenossen so gar nicht: Es war ihre Musik, wenn sicher auch etwas rustikaler und freier interpretiert.
Das vereinen die „Curious Bards“ mit hochvirtuosem Spiel, das auf intensiver Kommunikation beruht und damit zum lebendigen musikalischen Dialog wird. Man hört und genießt Klänge, die atmen dürfen, und spürt das Staunen und den Entdeckergeist des Ensembles, schließlich heißt curious ja neugierig. Sängerin Ilektra Platiopoulou stellt zur Mitte des Konzerts die einzelnen Instrumente vor, deren Spieler auch noch singen können: Mit Purcells dreistimmigem Kanon „An Ape, a Lion, a Fox and an Ass“ bekommt das Konzert zusätzlich eine lockere, beschwingte Note. Apropos: An diesem Abend wird vollkommen auswendig musiziert!
Zwischen den ausgelassenen Nummern wird auch Purcells große Begabung für unmittelbaren Ausdruck hörbar. Platiopoulou singt mit einer hinreißend sympathischen Bühnenpräsenz, die sich durch mehrere Qualitäten auszeichnet: Da ist einerseits diese faszinierend tragende, technisch versierte und dabei bezaubernd schöne Stimme, deren Forte bis in den letzten Winkel des Laiendormitoriums dringt; dann pflegt die Sängerin eine kultivierte Diktion und ist schließlich mit einer charmanten Ausstrahlung gesegnet.
Ihre Purcell-Interpretation ist auch deshalb so einnehmend, weil sie die große Palette der Ausdrucksformen beherrscht: von überschäumender Ausgelassenheit wie in „Bacchus Is a Power Divine“, wo sich die Stimme meisterhaft mit den Instrumenten mischt, bis zu einer warmherzigen Innigkeit beim nur von der Gambe begleiteten „Not All My Torments Can Your Pity Move“. Nach diesem Lied ist es übrigens so still, dass man tatsächlich die berühmte Stecknadel hätte fallen hören können, bevor dankbarer Applaus aufbrandet.
Dem intimen und natürlichen Charakter dieser Stimme, der auch dem Spiel der Instrumentalisten eigen ist, fehlt dabei jegliche Künstlichkeit. Gleichzeitig demonstrieren alle eine große Kunstfertigkeit, die wiederum für spürbare Authentizität sorgt. Hier wird nichts auf historische Korrektheit getrimmt, nichts rekonstruiert, sondern einfach Alte Musik gemacht und dabei etwas Wichtiges erkannt: Historisch informiertes Spiel barocker Musik macht frei für Spontanität, um sie fulminant ins Hier und Heute zu ziehen. Simply delicious!
Hier geht’s zur Session der „Curious Bards“ im Smoking Room: https://www.youtube.com/watch?v=gEeIWjY6NRo


