Die Stimme im Spiegel der Instrumente
BINGEN (02. August 2026). Hat die geschätzte Leserin oder der geschätzte Leser schon einmal eine Mezze verköstigt? Sie sind das Herz mediterraner Esskultur: Viele kleine Vorspeisen ergeben ein ganzes Menü und stehen als geteilte Köstlichkeiten für Geselligkeit, Genuss und Entschleunigung.
Nicht ohne Zufall kam dem Autor während des RheinVokal-Konzerts in der Kirche des Hildegardzentrums auf dem Binger Rupertsberg ein solches kulinarisches Erlebnis unter der Sonne Zyperns ins Gedächtnis, genossen unweit der Felsen Aphrodites. Denn auch in dieser Soiree gab es viele musikalische Köstlichkeiten, Kostproben aus barocken Kantaten und vor allem den Variantenreichtum der titelgebenden „La Follia“ – sozusagen dargereicht von den erlesensten Barockmusikerinnen und -musikern: Núria Rial (Sopran) und Dorothee Oberlinger mit ihrem „Ensemble 1700“.
In diesem Konzert gab es auch nicht den einen oder die eine, der oder die anderen die Show stahl, auch wenn einen vor allem die faszinierend reine und klare Stimme Rials mit ihrem feinen Timbre, ihrer Leichtigkeit, Agilität und nicht zuletzt ihrer Natürlichkeit in den Bann schlug. Intonation, Duktus und Linienführung haben etwas Strahlendes, eher warm als blendend hell, und ihre Koloraturen erinnern an den Flügelschlag eines Schmetterlings. Natürlich haben auch die anderen Künstlerinnen und Künstler, die BarockVokal in diesem Jahr aufbot und noch aufbietet, ihre Qualitäten – Núria Rial scheint jedoch alle Vorzüge einer gesunden und außergewöhnlich gut kontrollierten lyrischen Sopranstimme in sich zu vereinigen. Und wer sie singen sieht, staunt über die selbstverständliche Authentizität, die diese Künstlerin ausmacht und ihren Gesang derart adelt.
In diesem Konzert kam das Vokale aber noch von anderer Seite (und Saite) her zum Ausdruck, denn die vorzüglichen Instrumentalisten um Dorothee Oberlinger – Jonas Zschenderlein (Barockvioline), Hille Perl (Viola da Gamba), Axel Wolf (Laute) und Asís Márquez (Cembalo) – begegneten der Singstimme in klanglicher Spiegelung, griffen ihre Nuancen auf und reflektierten sie geschmackvoll und subtil. In „Folle è ben che si crede“ von Tarquinio Merula fungierten die Interludien von Flöte, Violine und Gambe als Echo der gesungenen Verse und in Barbara Strozzis Kantate „Che si può fare“ aus Opus 8 umrankte Hille Perls Gambenton die schwebenden vokalen Melodiebögen.
Nun hieß das Programm ja „La Follia“, und eben jener kunstvolle Variantenreichtum über der immer gleichen Basslinie bestimmte auch die geschmackvolle Stückauswahl: Neben weiteren Arien und Rezitativen von Claudio Monteverdi, Georg Friedrich Händel oder Antonio Vivaldi begeisterten vor allem die „Folias“ eben von Vivaldi und vor allem Marin Marais. Gerade dessen „Les Folies d’Espagne“ schenkte dem Publikum die Möglichkeit, die unerschöpfliche Wandlungsfähigkeit eines scheinbar schlichten Bassmodells zu ermessen.
Hille Perl lotete diesen Variationszyklus mit einer Selbstverständlichkeit aus, die jede technische Brillanz ganz in den Dienst der musikalischen Erzählung stellte. Das eint sie mit der Blockflötistin Dorothee Oberlinger, die so ganz auf die ausschweifende Gestik mancher Kollegen verzichtet. Virtuosität ist bei beiden Musikerinnen nie Selbstzweck: Jede Variation geht organisch aus der vorangegangenen hervor und beleuchtet den musikalischen Gedanken aus immer neuer Perspektive. Mit sprechender Artikulation, feinem Gespür für klangliche Schattierungen und einem warmen, stets tragfähigen Gambenton gab Perl dem Publikum eine hinreißende Unterrichtsstunde in barocker Affektenlehre. Im ununterbrochenen musikalischen Fluss changierten lyrische Innigkeit, tänzerische Eleganz und temperamentvolle Energie mit erfrischender Leichtigkeit.
Dass BarockVokal das Festival der Stimme ist, schien auch die anderen Instrumentalisten zu inspirieren: Oberlingers Blockflöte entfaltet einen weichen, klaren und gleichsam atmenden Klang, der der menschlichen Stimme in seiner Natürlichkeit besonders nahekommt. Je nach Register erschuf sie warme Fülle oder lichte Transparenz und ließ ihre Phrasen mit beinahe vokaler Sprachlichkeit entstehen. Die Violine Zschenderleins ergänzte dies mit ihrem außerordentlich wandelbaren Ton, der einen weiten Ausdrucksbogen von inniger Wärme bis zu brillanter Strahlkraft spannte. Die Instrumente schienen weniger zu musizieren als zu artikulieren, atmeten mit den Gesangslinien, nahmen deren Phrasierung auf und antworteten mit einer geradezu rezitativen Eloquenz.
Cembalo und Laute verliehen diesem klanglichen Dialog Kontur und Fundament: Márquez und Wolf begleiteten nicht bloß, sondern strukturierten den musikalischen Satz und kommentierten die vokalen und instrumentalen Linien mit feinsinniger Eleganz, was den Generalbass zu einem lebendigen Gesprächspartner machte, der den Atem der Musik ebenso trug wie ihre innere Bewegung.
Am Ende blieb weniger das Erleben eines exquisiten Konzerts in Erinnerung: Vielmehr durfte man Zeuge einer höchst kultivierten und klangschönen musikalischen Zwiesprache sein, in der Stimme und Instrumente zu einer gemeinsamen Sprache fanden. In dieser Liaison von klanglicher Noblesse, stilistischer Souveränität und sprechendem Ausdruck wurde das barocke Ideal des Cantabile – das Postulat, Instrumentalmusik solle der menschlichen Stimme nacheifern – unmittelbar erfahrbar.
SWR Kultur sendet einen Mitschnitt am 26. August ab 20.03 Uhr im Abendkonzert im Rahmen des ARD Radiofestivals.


