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Ohne Fehl und Tadel

WIESBADEN (15. März 2025). Falsche Angaben im Programmheft sind ärgerlich – oder manchmal ein Glücksfall: War doch in dem des jüngsten Konzerts der Schiersteiner Kantorei mit Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion die geschätzte Konzertdauer mit 210 Minuten angegeben! Wollte Dirigent Clemens Bosselmann eine Karl-Richter-Gedächtnisfeier abhalten? Glücklicherweise wurden es dann doch nur etwa drei Stunden abzüglich einer Stimmpause von 15 Minuten – also gängiges Maß.

Ansonsten kann man es kurz machen mit der Kritik: Es gab absolut nichts zu bemängeln. Abgesehen davon, dass man ja immer irgendeine Stelle benennen könnte, die man sich vielleicht etwas anders gewünscht hätte, weil gerade das früher oder bei anderen Interpreten so gut gefiel, erlebte das Publikum in der Marktkirche tatsächlich eine Referenzaufführung, die keinerlei Wünsche offenließ. Ein bestens einstudierter Chor (samt der jugendlichen Stimmen der Evangelischen Singakademie Wiesbaden, die von der Empore aus und damit buchstäblich über dem Eingangschor den Choral intonierten), das wunderbar musizierende Barockorchester „La Viviezza“ und handverlesene Solisten sowie der mit geschmeidiger Geste dirigierende Clemens Bosselmann gestalteten eine Matthäuspassion, die vom ersten bis zum letzten Ton fesselte.

Beginnen wir mit den Solisten, einer delikaten Mischung aus jungen und gereiften Stimmen: Theresa Klose (Sopran), Melinda Paulsen (Alt), Gabriel Sin (Tenor) und Klaus Mertens (Bass), dazu Tenor Florian Cramer als Evangelist, der das Geschehen mit der gebotenen Objektivität des Berichterstatters, doch nicht ohne selbst davon ergriffen zu sein, schilderte, und Bass Frederic Mörth, der seinen Christus im Spannungsfeld zwischen Respektsperson und liebevollem Freund platzierte. Man mag wirklich niemanden herausgreifen, denn sonst liefe man Gefahr, sich im Lob zu verlieren: Alle Künstlerinnen und Künstler musizierten ihre Partien mit warm strahlender Noblesse und ja: jugendlichem Timbre.

Was auch an einem intensiven Musizieren lag, das abseits jeglicher Routine stattfand, die eine Bachsche Matthäuspassion ja auch sein kann. Wie oft mögen Paulsen oder Mertens (der auch die Rollen von Judas, Petrus, Kaiphas und Pilatus übernahm) ihre Partien wohl schon gesungen haben? Davon war nichts zu hören. Oder besser: zu spüren: Mit den Solisten des Orchesters wurde jede Arie zum taufrischen Erlebnis; „Erbarme Dich“ oder „Mache Dich mein Herze rein“ trafen einen mitten ins Herz und „Aus Liebe will mein Heiland sterben“ klang geradezu überirdisch schön.

Und das lag auch an der Leistung von „La Viviezza“: Das auf historischen Instrumenten (und im Stehen!) musizierende Ensemble wurde erst 2021 gegründet und vereint die besten Künstlerinnen und Künstler ihrer Zunft. Sie spielen in Freiburg, Basel und Köln und sind auch in Formationen des Rhein Main Gebiets immer wieder anzutreffen. Das Orchester gestaltete mit anrührend intensivem Spiel und kraftvoller Klangfarbe das Bühnenbild, vor dem Chor und Solisten die Passionsgeschichte spielten. Auch hier wäre es kaum statthaft, einzelne hervorzuheben, aber das Spiel der Violine, Flöte und Oboen war ein Traum. Mit Freude las man im Programmheft, dass die Zusammenarbeit mit der Schiersteiner Kantorei künftig ausgebaut werden soll: Ein so wunderbar musizierendes Ensemble an seiner Seite zu wissen, inspiriert ja auch die Vokalisten.

Womit man beim Chor angekommen ist: Die Matthäuspassion wird allein schon wegen ihres großen Klangapparats nicht in kurzen Abständen aufgeführt, gehört aber sicherlich dennoch zum gesetzten Repertoire der Schiersteiner Kantorei. Die ist kein Profiensemble, übernahm diese Rolle aber mit einer Versiertheit, dass es eine Freude war: Bis zum Schluss vollkommen konzentriert auf den Dirigenten gestalteten die beiden Chöre, für die Bach BWV 244 konzipiert hat, sowohl im Tutti als auch jeder für sich Turba-Einwürfe, Choräle und Chorsätze gut ausbalanciert und intoniert, lebendig und packend. Auch die Rollen der Soliloquenten wurden von Sängerinnen und Sängern der Kantorei übernommen.

Clemens Bosselmann tat das Seine zum Erlebnis dazu, indem er kleine, aber höchst reizvolle Akzente setzte, die durchaus auch mal als Generalpause ausfielen, so in der Szene, in der Petrus Jesus verleugnet: Da ist von einer „kleinen Weile“ die Rede, bevor der Jünger erneut angesprochen wird und an dieser Stelle war es tatsächlich für Sekunden mucksmäuschenstill in der Marktkirche. Agogisch und dynamisch gestaltete Bosselmann ebenfalls virtuos und ließ Choräle und Arien-Reprise zuweilen kunstvoll im Piano bis Pianissimo singen, was einen zusätzlich in die Musik hineinzog.

Zweidreiviertel Stunden – und keine einzige Sekunde wurde einem lang. Es ist schon etwas Besonderes, wenn man derart sattsam bekannte Musik so intensiv musiziert bekommt, dass man wirklich aufmerkt und überrascht wird. Auf einer CD kann das berühren, live ist ein Geschenk. Vielleicht fasst es dieser Satz eines Zuhörers nach dem Konzert am besten zusammen: „Für mich hat heute die Passionszeit begonnen.“

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