Mitreißende Visionen
WIESBADEN (31. Mai 2026). „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, sagte der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt 1980 im Magazin „Spiegel“ über die Ansichten seines Parteifreunds Willy Brandt im Bundestagswahlkampf. Der Altkanzler berichtete übrigens 2010 im ZEIT-Magazin über die Hintergründe dieses legendären Zitats und räumte ein: „Es war eine pampige Antwort auf eine dusselige Frage.“
Klar bezog sich Schmidt damals nicht auf die Vision als Idee, sondern die übernatürliche Erscheinung als religiöse Erfahrung oder optische Halluzination: Eine Vision bezeichnet ein subjektiv bildhaftes Erleben von etwas objektiv sinnlich nicht Wahrnehmbaren, das jedoch der Person, die es zu sehen glaubt, als real oder erstrebenswert erscheint. Mit genau dieser Begrifflichkeit spielt auch das Konzertprogramm „Visions of Venus“ von „Spark – die klassische Band“ und der irischen Sängerin Wallis Bird.
Mit mächtig Klangfarbe widmen sich die Künstlerinnen und Künstler im Kleinen Haus des Wiesbadener Staatstheaters als Finale der diesjährigen Maifestspiele einem facettenhaften Tongemälde des Weiblichen: In verschiedenen Bildern nehmen die Zuhörenden die Frau in all ihrer Komplexität wahr: als Mutter, Schwester und Freundin, Muse oder Sirene, Liebende, Träumerin oder Kämpferin. Dabei streifen Bird und Spark neugierig durch die Jahrhunderte und ihre Komponistinnen. Das Programm bündelte somit ein ganzes Jahrtausend weiblicher Klangkunst und eröffnet einen weiten und farbenfrohen Rundumblick auf das musikalische Universum, das visionäre Frauen vom Mittelalter bis heute erschaffen haben und noch immer inspiriert wie inspirierend kreieren.
Dabei sind es nicht nur die verschiedenen Rollen der Weiblichkeit, die diese „Visions of Venus“ so atemberaubend machen, sondern vor allem die kunstvollen Arrangements der Lieder: Barock trifft auf Dancefloor, ruhige Poesie spiegelt sich in knackigem Groove. Über die 2024 erschienene CD schrieb der Musikkritiker Ulrich Maurer, „Visions of Venus“ sei ein radikales Experiment, bei dem sich alle Beteiligten weit aus der Komfortzone ihres bisherigen Schaffens herauswagten. Das Ergebnis sei ein „organischer Sound-, Stil-, Philosophie- und Genre-Clash, der es in sich hat“.
Gut getroffen, Herr Kollege (wobei es sich weder Bird noch Spark je in einer Komfortzone gemütlich gemacht hatten). Anders gesagt: Die Künstlerinnen und Künstler schlagen kraftvoll Brücken und wo das nicht möglich scheint, werfen sie sich mit Lust in die stilistischen Fluten und kraulen beherzt zum anderen Ufer des musikalischen Spektrums.
Wallis Bird erhebt mit eigenen Stücken wie „Dr. James Barry“ und „Home“ sowie den Liedern anderer großer Frauen der Musikgeschichte die Stimme für die Gleichberechtigung der Geschlechter. Als hieb- und stichfeste Beweise führt sie die bahnbrechende, oft überraschende und zuweilen auch absichtlich zum Verstummen gebrachte Arbeit von Frauen vor, die ihrer Zeit voraus waren.
Die archaische mittelalterliche Melodie von Hildegard von Bingens „O virtus sapientiae“ verschmilzt mit dem Indie-Song „Oceania“ des isländischen Weltstars Björk. Eine barocke Sonate von Isabella Leonarda (und damit die erste von einer Frau komponierte) tritt dem eigens für dieses Programm geschriebenen Song „Fast Blue Village“ von Elena Kats-Chernin oder „Believer“ von Sandie Wollasch gegenüber. Zeitlose Melodien von Ikonen wie Joni Mitchell („Big Yellow Taxi“) und Carole King („A Natural Woman“) werden mit der Sicilienne von Maria Theresia von Paradis kontrastiert. Chapeau!
Die Arrangements sind dem Ensemble von dessen Pianist Christian Fritz perfekt auf den Leib geschrieben, so dass die Instrumente – Violine und Viola (Stefan Balazsovics), Violoncello (Isabel García Castro) sowie Blockflöten aller Register (Andrea Ritter und Daniel Koschitzki, der auch die Melodica spielt) – kaleidoskopisch in neuem Licht erklingen. Ein Höhepunkt ist auf jeden Fall Billie Holidays „Now or never“, wo die Flöten den Bläsersatz nicht nur imitieren, sondern satt intonieren. Brillant!
Wallis Bird nimmt sich jedes Songs gesondert an. Und natürlich passt ihre Stimme perfekt zu Kate Bushs „Babooshka“ oder Janis Joplins „Mercedes Benz“. Und wirken romantische Lieder wie Clara Schumanns „Liebst Du um Schönheit“ oder Fanny Hensels Vertonung von „There be none of beauty’s daughters“, einem Gedicht von Lord Byron, nicht noch mehr, wenn sie eben nicht steif mit Belcanto intoniert, sondern als Werk früherer Singer-Songwriterinnen verstanden werden? Damit formuliert Bird nicht nur Botschaften, sondern beleuchtet mit einer mentalen Breite, die von liebevoll bis zornig reicht, auch die individuelle Güte der Musik
Zum Schluss sei der Sängerin selbst das Wort gegeben „Nun ist sie hier, die Revolution, passt genau auf, Jungs, ich singe laut und deutlich: Es ist Zeit“, heißt es in Birds eigenem Song „Visions of Venus“ auf Englisch. Die Wichtigkeit ihrer Aussage sei durch die Übersetzung der Verse unterstrichen: „Jetzt ist die Revolution da! Passt auf Jungs, ich singe laut und deutlich: Es ist Zeit! Geld, Macht und Patriarchat, alles bricht aus den Nähten. Die Zeit ist reif. […] Sieh, wie deine Macht Bedeutung hat, Frau, richte die Kraft neu aus. Richte den Mut und die Angst aus. […] Venus-Visionen sind Visionen mit dem kraftvollen Gefühl der Freiheit. […] Ich besitze meinen Körper, ich besitze meinen Geist. Die Befreiung steht auf dem Spiel.“ Der finale Song reißt das begeisterte Publikum in Wiesbaden schließlich von den Sitzen: Es ist an der Zeit, endlich gemeinsam für diese „Visions of Venus“ zu kämpfen.
Zur Enstetehung des Programms „Visions of Venus“ gibt es im Internet ein interessantes Video: https://www.youtube.com/watch?v=B-1UCGjvqhI.


