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Vokale Naturschönheiten

ZORNHEIM (31. August 2018). Es müssen arbeitsintensive und gerade daher wunderbare Tage für die Sängerinnen und Sänger gewesen sein, die sie in der vergangenen Woche in Schloss Engers erlebt haben: Dreizehn Vokalisten aus drei A-cappella-Gruppen nahmen an der diesjährigen Vocal Summer Class der Landesmusikakademie Rheinland-Pfalz teil und feilten an der hohen Kunst des Ensemble-Gesangs. Angeleitet wurden sie dabei durch die Mitglieder von amarcord, einem der besten A-cappella-Ensembles weltweit.

Ob Enona aus Mainz, Mehr als 4 aus Halle oder das sich eigens hierfür gegründete Ensemble Sine Nomine ebenfalls das Zeug dazu haben, irgendwann einmal in einem Atemzug mit amarcord genannt zu werden? Wie es sich an der Spitze anhört, erlebten die Zuhörer im ersten Teil des Abschlusskonzerts in der katholischen Kirche in Zornheim als Teil des Vokalsommers Rheinhessen: amarcord sang Werke amerikanischer Komponisten wie Charles Ives und Samuel Barber sowie der Romantik aus seiner Heimatstadt Leipzig. Und bezauberte das Publikum mit einem Klang, den man am besten mit vokaler Naturschönheit bezeichnen möchte.

Denn Markenzeichen von amarcord ist schon lange die scheinbare Selbstverständlichkeit, mit der das Quintett den perfekten Klang zaubert: Homogenität und Transparenz, wundervolle Stimmen und eine nie zur Routine erstarrende Perfektion lassen jedes Lied klingen, als höre man es zum ersten Mal. Lebendige Dynamik gelingt hier mit spiegelglatten Übergängen, man staunt über die Substanz eines Pianissimo und ein saftvolles Forte am anderen Ende der Skala. Überhaupt herrscht stets eine Spannung, die sich zwischen der mühelosen Höhe von Wolfram Lattke (Countertenor) und der wohligen Tiefe von Holger Krauses Bass packend entlädt.

Den Block mit den Folksongs hätte amarcord indes besser gestrichen, um den Teilnehmergruppen der Vocal Summer Class mehr Raum zu geben; außerdem mag der Belcanto nicht so recht zur Gospel-Hymne passen. So hörte man eher stichprobenhaft, auf welch fruchtbaren Boden die Anregungen der Leipziger bei ihren Gästen fielen: Enona klingt als Quartett leider nicht so stark wie in neunstimmigen Originalbesetzung, überzeugte aber dennoch mit Klangdichte in Hermann Schroeders „O Traurigkeit, o Herzeleid“. Trotz mancher Intonationsschwankung überraschte Sine Nomine aus Diez: Vor allem „Aftenstemning“ des dänischen Komponisten Carl Nielsen gelang rührend. Bereits zum dritten Mal hatte das Quintett Mehr als 4 an der Vocal Summer Class teilgenommen. Es ist auch am weitesten und zeigte dies nicht nur mit einer stimmungsvollen Ballade des isländischen Komponisten Thorkell Sigurbjoernson. Mit der Uraufführung des erst zwei Tage alten Stückes „Meer und Mond“ von amarcord-Sänger Robert Pohlers beschlossen alle Künstler des Abends das Konzert gemeinsam.

amarcord selbst profitierte im Laufe seines mittlerweile 20-jährigen Bestehens vom Kursangebot der Landesmusikakademie und wurde seinerzeit ebenfalls von Weltklasse-Gruppen gecoacht: Bei ihnen waren es die legendären King’s Singers und das Hilliard Ensemble – aus den Lernenden von damals sind also die Lehrenden von heute geworden. Diese Tatsache und die hohe Qualität aller Darbietungen zeigt, welch für die A-cappella-Szene segensreiche Einrichtung die Idee der Vocal Summer Class ist. amarcord-Sänger Daniel Knauft brachte es schließlich auf den Punkt: „Glücklich das Land, das eine solche Musikakademie hat.“

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