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Wenn Stille geradezu greifbar wird

MAINZ (6. Dezember 2019). Es ist gerade mal zwei Jahre her, da gaben Annika Wehrle (Sopran), Judith Kissel (Mezzosopran), Jessica Quinlan (Alt), Andreas Klopp (Tenor), Niklas Wawrzyniak (Bariton) und Carsten Siering (Bass) als Vocalconsort Mainz in St. Ignaz ihr Debütkonzert. Das, so konnte man damals lesen, ließ aufhorchen und machte neugierig. Mittlerweile hat das Sextett klanglich noch enger zusammengefunden und sang jetzt am gleichen Ort ein Adventskonzert.

Dabei präsentierte das Ensemble ein dramaturgisch durchdachtes und ansprechendes Programm, durch das sich die Choralverse „Nun komm, der Heiden Heiland“ in Werken verschiedener Komponisten zogen. Und es gelang dem Vocalconsort mit seinem perfekt austarierten, harmonischen und unglaublich transparenten Gesang, den Lärm der Vorweihnachtszeit für einen Moment zum Schweigen zu bringen: Manchmal braucht es eben nur eine schlichte Melodie wie Francis Poulencs „De grande cuillers de neige“, jene stimmungsvolle Tonskizze einer Winterlandschaft, und die innere Stille der Adventszeit wird geradezu greifbar.

Hier kommt dem Vocalconsort Mainz natürlich seine hohe Pianokultur zugute. Und man merkt, dass alle das gleiche Ziel haben: Niemand versucht sich auf Kosten der oder des anderen zu profilieren, man singt als Chor, bei dem kein Register über Gebühr heraus-, sondern jedes mit jedem in nahezu perfekter Harmonie zusammenklingt. Dabei kommen verschiedene Besetzungen zum Zuge, meist wird zu sechst, mal zu viert, mal als reine Männer- oder Frauenbesetzung intoniert. Die an diesem Abend beleuchtete Zeitspanne reicht vom gregorianischen „Veni redemptor“ des Ambrosius von Mailand (339-397) über den Cantus „Angelus ad virginem“ aus dem Irland des 14. Jahrhunderts bis in unsere Tage: mit einem stimmungsvollen Arrangement des Chorals „Es kommt ein Schiff geladen“ von Bariton Niklas Wawrzyniak (*1984).

Dieses Ensemble fühlt sich in jeder Epoche zuhause, was sowohl Sergei Rachmaninows „Bogoroditse Devo“ als auch Morten Lauridsens Motette „O magnum mysterium“ und der Choral „Die Nacht ist vorgedrungen“ in einer Fassung von Michael Brand (*1959) demonstrieren. Doch die Heimat der Sängerinnen und Sänger ist die Alte Musik, das Aufgehen in der Harmonie, der homogene Zusammenklang ihrer wunderbaren Stimmen. So sind es am Ende doch die Strophen des zu Beginn genannten Cantus „Nun komm der Heiden Heiland“, die dem gefällig zurückhaltend moderierten Abend nicht nur eine thematische Binnenstruktur geben, sondern mit ihrer Ruhe auch einen echten Kontrapunkt setzen.

Zuweilen ist das Los des Kritikers ein schweres – vor allem, wenn er weiß, dass der Künstler ein offenes Urteil erwartet und man tatsächlich ein paar ganz kleine Details anzumerken hätte, damit jedoch den großartigen Gesamteindruck des Konzerts nicht schmälern möchte. Der Vollständigkeit halber sei daher angemerkt: Das Ensemble ist wunderbar besetzt, doch könnte sowohl der Alt als auch der Bariton noch ein Quäntchen mehr klangliche Präsenz zeigen. Und ja: Der erste Einsatz bei Lauridsen war verpatzt; auch beim zweiten fand man zwar rasch, aber etwas holprig zueinander. Na und? Das passiert. Und gibt Anlass darauf hinzuweisen, dass im Vocalconsort Mainz kein einziges Ensemblemitglied beruflich singt.

Man sollte den Begriff professionell ohnehin nicht nur daran festmachen, ob man für etwas Geld verlangen kann (und bekommt). Bei dem, was Konzertkalender und Tonträger-Markt so alles hergeben, darf man durchaus feststellen, dass vor allem „Laien“ echte Profis sind. Ach übrigens: Wann und womit nimmt das Vocalconsort Mainz eigentlich seine erste CD auf?

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