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Blühende Landschaften

Mit „Kannst du das Lied verstehn?“ unternehmen Catalina Bertucci (Sopran) und Georg Poplutz (Tenor) gemeinsam mit Pianistin Tatjana Dravenau einen Sommerspaziergang durch Wald und Wiesen und singen romantische Lieder von Blumen und Bäumen.

Erinnern Sie sich noch an das Bilderbuch „Frederick“? Der amerikanische Grafiker und Schriftsteller Leo Lionni veröffentlichte es vor fast 60 Jahren, in Deutschland erschien es in der Übersetzung von Günter Bruno Fuchs: Feldmaus Frederick lebt mit seiner Familie in einer alten Steinmauer, im Herbst sammeln alle Vorräte. Nur Frederick guckt scheinbar unbeteiligt Löcher in die Luft. Auf die Frage, warum er nicht mithelfe, antwortet er, er trage lieber Sonnenstrahlen, Farben und Wörter zusammen. Der harte Winter kommt und ist so lang, dass den Feldmäusen die angehäuften Nüsse ausgehen. Nun schlägt Fredericks Stunde: Mit seinen Geschichten vom bunten Sommer wärmt er seine Familie und macht ihnen das triste Wintergrau erträglich.

Beim Label Genuin ist jetzt mit „Kannst du das Lied verstehn?“ eine CD erschienen, die pünktlich zum Herbstbeginn dem Beispiel der Feldmaus Frederick folgt: Catalina Bertucci (Sopran) und Georg Poplutz (Tenor) musizieren gemeinsam mit Pianistin Tatjana Dravenau Lieder des 19. und 20. Jahrhunderts, die Blumen und Bäume beschreiben. 26 Tracks werden auf dieser CD also zum handverlesenen Bouquet arrangiert, das alles andere als ein Trockenblumenstrauß ist: Der Sommerspaziergang durch blühende Landschaften erscheint in so intensiven Farben, als würde man selbst an einer roten Rose riechen oder im Schatten von Kirschbaum, Fichte oder Kastanie über eine bunte Wiese blicken.

In der Romantik erzählen Musik und Texte oft unmittelbar von den Verbindungen zwischen der Liebe oder dem Topos der Vergänglichkeit und diversen Pflanzen, was für die Menschen der Romantik klar verständlich war. Heutigen Hörern erschließt sich dies oft nur durch eine einleuchtende Interpretation, wofür die Künstler jedoch den passenden Schlüsselbund haben und mit den Liedern die Tür in einen großen Garten öffnen.

Und hier gibt es viel zu entdecken: Da rankt sinnbildlich der Efeu, treibt eine stille Wasserrose, duften Myrthe, Himmelsschlüsselblume und Rosen, ein „Blumenbrief“ erzählt in „Blumensprache“ von Lotosblume und Wasserlilie. Buchstäblich durch die Blume, also subtil haben Dichter wie Heinrich Heine, Eduard Mörike oder Johann Wolfgang von Goethe die florale Bildersprache genutzt, was Komponistinnen und Komponisten mit ihren Tönen dann zu weiterer Blüte getrieben haben. Man hört unter anderem Lieder von Franz Schubert, Engelbert Humperdinck, Robert Schumann, Hugo Wolf und Richard Strauss, aber auch von Komponistinnen wie Fanny Hensel, Ingeborg Bronsart, Mathilde von Kralik oder Luise Adolphe Le Beau.

Catalina Bertucci und Georg Poplutz erweisen sich hier nun als naturkundige Gartenführer und erwecken die Verse mit ihrer Kunst zum Leben. In den mit Klangfarben gemalten Bildern, manchmal nur kleine Skizzen und Miniaturen, steuert Tatjana Dravenau als delikate Liedpianistin eine intensive Grundierung bei, auf der die Singstimmen umso leuchtender hervortreten. Bertuccis Sopran passt perfekt zu den ausgewählten Liedern, beginnt zuweilen mit fast schon mädchenhafter Attitüde, um dann aber energiegeladen aufzublühen. Poplutz überzeugt mit federnder Dynamik und kraftvoller, doch müheloser Höhe. Der Sänger, der vor allem im Barockfach beheimatet ist, zeigt sich hier von seiner ebenfalls betörenden, romantischen Seite. Das Wissen, wie wichtig gerade die Sprache in der Alten Musik ist, nutzt Poplutz auch im romantischen Duktus für eine äußerst ansprechende Interpretation, wobei er seine Stimme (wie) immer in den Dienst der Musik und nicht solitär darüber stellt. Gleiches gilt für Bertuccis sinnliche Liedbeiträge.

„Kannst du das Lied verstehn?“ – Lieder von Blumen und Bäumen | Catalina Bertucci (Sopran), Georg Poplutz (Tenor) und Tatjana Dravenau (Klavier) | Genuin GEN 25936

Das Buch zur CD
Im Waxmann Verlag ist unter dem gleichen Titel „Kannst du das Lied verstehn?“ von Tatjana Dravenau und Lydia Doliva (Hrsg.) eine wissenschaftliche Abhandlung zur botanischen Bildsprache und ihren Vertonungen erschienen. „Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Blumensprache, die ‚Langage des Fleurs‘, zu einer vielschichtigen Ausdrucksform von Emotionen, Beziehungen und gesellschaftlichen Codierungen“, informiert der Klappentext. Dichterinnen und Dichter griffen diese symbolischen Bedeutungen auf und schufen eine florale Lyrik, in der botanische Bilder als Metaphern, Allegorien oder Chiffren fungieren: „Diese Texte enthalten eine große Bedeutungsvarianz, deren Spektrum sich durch den medialen Übergang vom Text zur Liedkomposition sowie die Transformation von Schrift- und Notentext in eine performative Interpretation verändert, erweitert oder verengt.“ Die Beiträge dieses Bandes untersuchen florale Motive im Kunstlied aus literatur-, musik- sowie kulturwissenschaftlicher Perspektive und zeigen, wie Lieder jenseits der reinen Text- und Notenebene komplexe Bedeutungsgeflechte bilden und welche künstlerisch-didaktischen Potenziale sich aus dieser Verschränkung für die Liedinterpretation ergeben.

„Kannst du das Lied verstehn?“ Botanische Bildsprache und ihre Vertonungen | Tatjana Dravenau, Lydia Doliva (Hrsg.) |236 Seiten, broschiert | 39,90 € | ISBN 978-3-8188-0072-7

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