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Musikalische Wurzeln

Der Begriff „Cantar in compagnia“ – zu Deutsch gemeinsam singen – findet sich in einem Manuskript aus dem Jahr 1584, das die Kunst lehrt, auf allen Instrumenten und mit der menschlichen Stimme zu diminuieren. Gemeint ist damit die Verzierungstechnik der Renaissance, bei der längere Notenwerte in kürzere, melodisch ausgeschmückte Tonfolgen aufgelöst werden. Das Prinzip des gemeinsamen Musizierens steht auch im Zentrum der beim Label Carpe Diem Records erschienenen CD „Cantà in cumpagnia“ des Ensembles Camerata Figarelle aus je vier Männerstimmen und Instrumentalisten. Der Titel ist hier ins Korsische übersetzt, denn die zu hörende Musik vereint zwei stilistische Welten zu einem faszinierenden musikalischen Kosmos.

2009 wurde die Paghjella, jener polyphone Männergesang als Teil der traditionellen korsischen Volksmusik, von der UNESCO in die Liste des dringend erhaltungsbedürftigen immateriellen Kulturerbes aufgenommen. In einem charakteristischen Zusammenspiel dreier Stimmen verbinden sich ein tragender Grundton, eine bewegliche Mittelstimme und eine hoch aufsteigende Stimme zu einem archaisch anmutenden und zugleich ungemein differenzierten Klanggefüge.

Die Stimmen folgen dabei nicht einfach einem glatten harmonischen Ideal: Sie reiben sich aneinander, entfalten ihre eigene melodische Freiheit und verschmelzen doch zu einem Ganzen. Es ist ein Gesang von unmittelbarer körperlicher Präsenz, geprägt von Atem, Resonanz und einer mündlichen Überlieferung, in der sich Landschaft, Gemeinschaft und Erinnerung eingeschrieben haben. Und er ist vor allem eines: Ausdruck von Freiheit und Improvisationskunst.

Dieser archaischen Ausdruckskraft der vokalen Volksmusik Korsikas begegnet hier nun die kunstvolle Polyphonie der italienischen Renaissance. Dabei trägt der traditionelle mehrstimmige Gesang die gesamte Aufnahme und ist weit mehr als eine folkloristische Zutat: Er bildet ihr lebendiges musikalisches Fundament. Aus dieser Klangwelt heraus gewinnt die Musik der Renaissance eine überraschende Unmittelbarkeit. Die virtuosen melodischen Ausschmückungen des 16. Jahrhunderts entpuppen sich auf faszinierende Weise als natürliche Fortsetzung einer noch immer lebendigen Gesangspraxis: Stimmen und Instrumente treten in einen Dialog, in dem historische Aufführungskunst und traditionelle Musikalität einander bereichern.

Man hört Musik, die sich verändert, die atmet und sich neu entfaltet. Die Paghjella öffnet dabei einen Zugang zu einer musikalischen Ausdrucksweise, in der Kunstfertigkeit und Ursprünglichkeit keine Gegensätze sind. Die Werkauswahl kombiniert historische Tiefe mit unmittelbarer Klangkraft. Dabei entsteht eine besondere Schönheit, denn Stimmen und Instrumente bewahren ihre Eigenständigkeit, um gemeinsam etwas noch Größeres hervorzubringen.

Mit „Cantà in cumpagnia“ betritt die Camerata Figarella Neuland und spürt dort möglichen gemeinsamen musikalischen Wurzeln von Paghjella und Diminution nach. Die Besetzung aus Cornett, Dudelsack, Klarinette und Altsaxophon verbindet alte und jüngere Klangtraditionen zu einer faszinierenden Begegnung von historischer Aufführungspraxis und lebendiger Gesangskultur. Eine spannende Reise!

Cantà in cumpagnia | Camerata Figarella | Carpe Diem Records 16341

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