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Weiter geht’s in Telemanns Kantatenkosmos

Seit 2021 präsentiert cpo jährlich eine Folge des ehrgeizigen Projekts, einen kompletten Jahrgang Telemannscher Kantaten einzuspielen: Hierbei handelt es sich um den „Französischen“ von 1714 und 1715. Anders als der „Harmonische Gottesdienst“ mit seinen kleinen Solokantaten präsentiert dieser Jahrgang durchgehend Werke für Chor, Solisten und Orchester. Dabei scheint sich Telemann immer wieder auszuprobieren, neu zu erfinden: originelle Besetzung (zum Beispiel eine Bass-Partie mit zwei Fagotten oder fulminante Chöre mit Pauke und drei Trompeten), schlichte und damit umso eindringlichere Choräle, elegante Arien, flutende Chorfugen und Tuttipassagen mit anspruchsvollen Rhythmen und Koloraturen.

All das zeichnete bereits die erste Doppel-CD aus, die im November 2021 erschien. Musste man für diese im ersten Coronajahr produzierte Aufnahme aber noch mit variierenden Aufstellungen arbeiten, ist Vol. 2 (ebenfalls beim Projektpartner SWR in Kaiserslautern eingespielt) nun auch raumklangtechnisch aus einem Guss. Homogen und durchhörbar entdeckt man erneut Kantate für Kantate den Kosmos von Telemanns Vokalschaffen, staunt über diese Kreativität, die genaue Übersetzung der Sprache in Musik und die exakte Umsetzung durch die Interpreten. Der Schwung des zu Entdeckenden, der Vol. 1 innewohnt, hat sich in einen immer noch neugierigen, aber eben auch zunehmend routinierten Umgang mit Telemanns Musik gewandelt: Alle Mitwirkenden haben sich in diese faszinierende Tonsprache noch intensiver hineingehört und -musiziert.

Felix Koch ist der künstlerische Leiter des als „Telemann Project“ firmierenden Vorhabens. Und man merkt: Er liebt diesen Komponisten. Was man genauso hört: Koch ist imstande, diese Begeisterung ohne Reibungsverluste auf sein wendiges und transparent (historisch informiert) musizierendes Neumeyer Consort sowie die jungen Sängerinnen und Sänger der mit nur zwölf Stimmen besetzten Gutenberg Soloists zu übertragen. Alles ist durchhörbar und ausgewogen. Wie seinerzeit üblich sind die Solostimmen dabei Teil des Chores und fügen sich hier bemerkenswert verschmelzend in den makellosen Gesamtklang ein.

Das Telemann Project lädt für jede CD mindestens einen namhaften Künstler ein und vergibt die anderen Solopartien an die kommende Generation. Sabine Goetz und Julie Grutzka (Sopran), Lieselotte Fink und Luca Segger (Alt/Altus), Hans Jörg Mammel und Fabian Kelly (Tenor) sowie Hans Christoph Begemann und Gotthold Schwarz (Bass) sind die Solisten dieser CDs und überzeugen sämtlich gleich auf zweierlei Weise: Zum einen besitzen sie die Fähigkeit, sich gänzlich in den Dienst dieser Musik und somit jede persönliche Profilierung zurück zu stellen; zum anderen gefallen alle durch stimmlichen Wohlklang, dem man einfach gerne zuhört. Telemann schrieb eher instrumental und hat offenbar nicht immer daran gedacht, dass seine Sänger die Partien auch problemlos sollten bewältigen können. Die Künstler dieser Aufnahme nehmen die Herausforderung jedoch mit delikatem Erfolg an. Zudem darf man dank der Doppelbesetzung jedes Registers gerne vergleichen, möchte jedoch kaum einen Favoriten ausmachen.

Eine Kantate sei herausgegriffen: „Jesus Christus, unser Heiland“ (TVWV 1:976 zum dritten Ostersonntag nach Trinitatis), denn hier besticht schon allein die auffällige Zahlensymbolik. Der Chor singt vom Sterben und tatsächlich scheint das Orchester sein Leben bald auszuhauchen. Dann folgen drei dumpfe Akkorde – die Tage, die Christus im Grab lag – und der Chor erwacht buchstäblich zum Leben, wobei die folgende Triolenseligkeit (mit rhythmisch vertrackter Verschränkung) wiederum für die Zahl 3 steht. Schließlich intoniert Hans Christoph Begemann eine chorbegleitete Arie, die von der Grabesruhe der müden Seele erzählt und nicht zufällig werden sofort Erinnerungen an den Schlusschoral aus Bachs Johannespassion wach: Auch – und vor allem! – hier geht schlicht der Himmel auf, wenn die vier Chorstimmen über dem kernigen Bariton Begemanns wie von ferne süßen Frieden und im Grabe blühende Rosen besingen. Allein für dieses Stück hat sich der Kauf dieser CDs mit neun Kantaten gelohnt.

Georg Philipp Telemann: Kantaten Französischer Jahrgang 1714/1715, Vol. 2 | Sabine Goetz und Julie Grutzka (Sopran), Lieselotte Fink und Luca Segger (Alt/Altus), Hans Jörg Mammel und Fabian Kelly (Tenor), Hans Christoph Begemann und Gotthold Schwarz (Bass), Gutenberg Soloists, Neumeyer Consort, Felix Koch (Leitung) | 2 CDs cpo Nr. 555437-2

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