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Kompass in stürmischen Zeiten

„Anstand. Eine Anleitung zum gelassenen Widerstand“ heißt das aktuelle Buch des Journalisten Florian Harms. Es erscheint in einer Zeit, in der ein Riss durch die Gesellschaft nicht nur unseres Landes geht. Das Thema hat schon andere Autorinnen und Autoren inspiriert: Ulrich Wickert schrieb 1995 „Das Buch der Tugenden“, Alexander von Schönburg 2018 „Die Kunst des lässigen Anstands“ und Axel Hacke 2017 „Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen“. Im Gegensatz zum literarisch-essayistischen Ton dieser Bücher macht Harms aus dem Anstand jedoch ein gesellschaftspolitisches Konzept: die Voraussetzung für das Funktionieren der Demokratie.

Auf rund 200 Seiten nähert sich der Autor dem Thema aus unterschiedlichen Perspektiven. Zu Beginn analysiert er die Gegenwart als Epoche permanenter Krisen: Kriege, Klimawandel, wirtschaftliche Unsicherheit, Digitalisierung, soziale Medien und künstliche Intelligenz verändern Gesellschaften rasant, was Unsicherheit, Angst und Misstrauen erzeugt. Immer häufiger dominieren Empörung, Hass und Lagerdenken. Harms fordert hingegen eine Rückbesinnung auf den Anstand als innere Haltung, die das tägliche Handeln beeinflusst.

„Anstand“ ist ein präziser Gegenwartsbefund, in dem der Autor seine Argumente mit wissenschaftlichen Erkenntnissen untermauert und empirisch belegt. Die behandelten Tugenden erscheinen dabei nicht bloß als moralische Ideale, sondern als gesellschaftliche Ressource. Dahinter steht die Frage: Was geschieht mit einer Demokratie, wenn ihre Bürger die Fähigkeit zum anständigen Umgang miteinander verlieren? Um das zu verhindern, muss man sein eigenes Denken und Verhalten überprüfen und gegebenenfalls ändern, was, wie Harms mehrfach betont, keineswegs einfach ist. Doch die Lektüre bietet gute Hilfestellungen, denn das klug aufgebaute Buch vermeidet bewusst den moralischen Fingerzeig. Es sieht Anstand nicht als verstaubten Knigge-Ratgeber, sondern als demokratische Schlüsselkompetenz schlechthin: die Fähigkeit, einander zuzuhören, Verantwortung zu übernehmen und auch bei gegensätzlichen Meinungen die Würde des Gegenübers zu achten.

Das Buch zeigt, wie anständiges Handeln funktionieren kann, weshalb Anstand allen nutzt und wie jeder Mensch diese Haltung praktisch umsetzen kann. Nach einer Bestandsaufnahme der Gegenwart und der Frage, wo und warum Anstand aktuell fehlt, entwickelt Harms seine Argumentation anhand der acht Tugenden Wahrhaftigkeit, Respekt, Rücksicht, Verantwortung, Zivilcourage, Gemeinsinn, Dialogbereitschaft und Verzeihen, wobei er seine abstrakten Forderungen an nachvollziehbaren Alltagssituationen prüft. Hilfreich sind die kurzen Zusammenfassungen der Argumente am Ende der Kapitel: Zusammengenommen ergeben sie einen konkreten Ratgeber für das eigene Denken und Handeln im Alltag. In einem weiteren Teil umreißt Harms den Anstand als öffentliches Projekt, wobei der Journalist auch und gerade die eigene Zunft in die Pflicht nimmt.

Kulturpessimisten könnten einwenden, das Buch sei nur ein Pfeifen im mittlerweile recht finsteren Wald. Mag sein. Doch ohne das wäre es dort erst recht erschreckend still. Wenn aber nun immer mehr Menschen in dieses Pfeifen miteinstimmen, wird es lauter und lauter, um hoffentlich die derzeit viel zu laute Kakophonie der Dauererregung zu übertönen. Florian Harms liefert die Partitur dazu.

Florian Harms: „Anstand. Eine Anleitung zum gelassenen Widerstand“ | Verlag Herder | 1. Auflage 2026 | 208 Seiten gebunden | 19 € | ISBN: 978-3-451-03839-6

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