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Schlank und doch kraftvoll

Johannes Brahms hat mit seinem Deutschen Requiem eine Musik des Trostes geschrieben, die allein schon durch ihre Klangfülle in ihren Bann schlägt. Waren an der Uraufführung 1868 in Leipzig rund 200 Stimmen beteiligt, müssen heutige Aufführungen allein schon aus monetären Gründen mit weit weniger Personal auskommen. Das birgt zuweilen ein Ungleichgewicht zwischen Chor und sinfonischem Orchester, der man nicht immer nur mit dynamischer Zurücknahme im instrumentalen Klangkörper begegnen mag und kann. Die Klavierfassung ist zwar für den Chor attraktiv, weil er nicht gegen das Orchester ansingen muss, fällt aber vergleichsweise blutarm aus: Wenn der Chor von der Posaune singt, will man sie auch hören.

Eine attraktive Alternative hat Joachim Linckelmann 2010 mit seinem Arrangement für Kammerorchester vorgelegt, denn die instrumentale Verschlankung (fünf Streichinstrumente und Bläserquintett plus Pauke) hat einen ganz eigenen Charme und dimmt nur die Masse, nicht aber die Klasse der Musik. Letztendlich ist es wie beim Kochen: Reduktion sorgt für die Intensivierung des Geschmacks und hebt Aromen hervor. Anders als manche vokalen Klangkörper in groß besetzten Einspielungen erklingt der Junge Kammerchor Rhein-Neckar hier angenehm entspannt, was sich durch die ganze Aufnahme zieht.

Die Interpretation von Thomas Kalb atmet von der ersten Note an Weite, der kammermusikalische Duktus der Jungen Kammerphilharmonie Rhein-Neckar überträgt sich reibungslos auf den Chor. Und so ist ein kraftstrotzendes Fortissimo hier „nur“ ein präsentes Forte, wobei der Kammerchor auf der anderen Seite seine hohe Pianokultur unter Beweist stellt. Die generelle Durchhörbarkeit der einzelnen Register schafft dabei eine schwebende Ballance. Der Kammerchor gefällt durch glasklare Intonation, Homogenität und deutliche Sprache, ohne eine Komponente zu forcieren. Mit dem reduzierten Orchester fallen auch die Soli von Judith Wiesebrock (Sopran) und Jan-Ole Lingsch (Bariton) sprachlich und sanglich rundweg überzeugend aus, ja rücken fast schon in Richtung Lied.

Vor der großen Anzahl sinfonischer Einspielungen nimmt diese Aufnahme mit der präsentierten Fassung durchaus eine solitäre Stellung ein, ohne dass das Label Rondeau den Anspruch der Ersteinspielung erhebt. Chor und Orchester sind zwar mehrfach ausgezeichnet, dennoch handelt es sich hier um eine Produktion mit nicht-professionellen Künstlerinnen und Künstlern. Was die Live-Aufnahme umso mehr adelt: Das, was der Junge Kammerchor und die Junge Kammerphilharmonie Rhein Main hier geschaffen haben, braucht sich vor der Leistung professioneller Ensembles keinen Takt lang zu verstecken. Das geflügelte Wort, dass weniger oft mehr ist, schwingt hier in jeder Note mit.

Johannes Brahms: Ein deutsches Requiem – Arrangement for chamber orchestra | Junger Kammerchor Rhein-Neckar, Junge Kammerphilharmonie Rhein-Neckar, Judith Wiesebrock (Sopran), Jan-Ole Lingsch (Bariton), Thomas Kalb (Leitung) | Rondeau Production ROP6281 (Live-Aufnahme)

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