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Ein musikalisches Dazwischen

CD-Veröffentlichungen sind immer ein Dokument der aufgenommenen Musik. Manche wollen jedoch mehr, wie die Rondeau-Produktion „Die Herzogliche Gambe“. Thomas Fritzsch spielt darauf Werke zweier bislang wenig beleuchteter Komponisten: Franz Xaver Hammer und Johannes Mathias Sperger, deren Werke durch eine Kantate von Joseph Haydn ergänzt werden.

Die Künstler öffnen damit ein Fenster in die musikalische Welt auf Schloss Ludwigslust in der gleichnamigen mecklenburgisch-vorpommerschen Stadt südlich von Schwerin. Auf Veranlassung von Friedrich Herzog zu Mecklenburg-Schwerin (1717-1785) entstand dort eine Residenz à la Versailles. Ihm folgte Friedrich Franz I., ein ausgewiesener Freund der Künste und vor allem der Musik. Eine seiner ersten Amtshandlungen war, so berichtet der informative Booklettext von Thomas Fritzsch, die Anstellung des Wiener Cellisten und Gambisten Hammer (1740-1817), der zuvor unter der Leitung von Joseph Haydn in der Hofkapelle des Fürsten Esterházy musiziert hatte.

Das ist insofern für die Rezeption der Aufnahme interessant, da Hammer eine siebensaitige Viola da gamba mitbrachte, die er 1778 in Wien hatte fertigen lassen. Nach dem Tod des Musikers wurde das Instrument zum Inventarstück, wobei der Weg von der Schlossbibliothek bis in die Bestände des Landesamtes für Kultur- und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern reichte. Der Zahn der Zeit hatte an dieser Gambe mehr als genagt. Sie wurde jedoch restauriert und in ihren Originalzustand zurückversetzt. Mit dem Ergebnis zeigte sich Gambist Thomas Fritzsch derart zufrieden, dass er mit ihr die vorliegende CD eingespielt hat.

Das Ergebnis ist höchst spannend, denn Instrument und Musik befanden sich seinerzeit im Umbruch: Stilistisch stand man auf der Schwelle zur Wiener Klassik, die Gambe war als Instrument eigentlich schon aus der Mode gekommen. Umso überraschender sind die Stücke Hammers, in denen er das Instrument mit zwei Hörnern und Violoncello bzw. Violine kombiniert. Diese Besetzung ist so ungewöhnlich, dass allein schon ihre Wiederentdeckung ein starkes Argument für die Aufnahme darstellt. Die 14 Stücke der „Sammlung Ludwigslust“ von Hammer sind hier in vier Blöcken musiziert.

Das Zusammenspiel von Gambe und Hörnern klingt dabei höchst appart: Die Kombination aus Festlichkeit und Jagdsignal lässt einen etwas von der höfischen Lebenswelt auf Schloss Ludwigslust erahnen. Die Verbindung von Gambe, Horn und Violoncello besitzt hingegen einen warmen bis samtigen Klang, der sich deutlich von der vertrauten Klangsprache späterer klassischer Kammermusik anhebt. Schließlich begegnet man einer so außergewöhnlichen Instrumentierung, dass man einmal mehr hinhören muss, um die verschiedenen Klangfarben herauszufiltern. Dabei hilft indes die Qualität der Aufnahme: Der Klang ist transparent und die Gambe steht präsent im Raum, bleibt aber ins kammermusikalische Gefüge integriert.

Im Kontext drängt sich diese Musik nicht auf, sondern will entdeckt werden. Der Schatz, den Thomas Fritzsch und seine Kollegen Michael Schönheit (Klavier), Stephan Katte und Pedro Rodrigues (Hörner) sowie Eva Salonen (Violine) und Stephan Wünsch (Cello) hier heben, ist daher auch keiner, der sofort funkelt, sondern dessen Preziosen sich erst Stück für Stück erschließen. Die Künstler sind hier nicht nur Interpreten, sondern auch Musikarchäologen, die ihren Fund mit spielfreudigem Stolz präsentieren.

Eine reizvolle Entdeckung sind dabei die beiden Divertimenti von Johannes Mathias Sperger (1750-1812), Kontrabassist in der Ludwigsluster Hofkapelle. Hier spielen Fritzsch (Gambe von 1778) und Schönheit (Fortepiano von 1805): Das Saiteninstrument ist im Gehen, das Tasteninstrument im Kommen. Die Paarung ist in ihrer Exklusivität hörenswert und präsentiert das volle, kantable Timbre der Gambe mit dem transparenten und im Vergleich mit dem späteren Klavier weniger basslastigen Klang des Fortepianos.

Die Verbindung von Ludwigslust zu Joseph Haydn ist laut Booklet durch ein Gemälde illustriert, das einst den Schlosssaal schmückte. Auf der CD ist der Komponist mit der rekonstruierten Fassung seiner Kantate „Deutschlands Klage auf den Tod des Großen Friedrichs Borußens König“ Hob. XXVIb: 1 für Bariton, Viola da Gamba und Basso continuo präsent. Hier kommt es erneut zum Zusammenspiel von Fritzsch, Schönheit und Klaus Mertens, die 2016 schon mit der Rondeau-Produktion „Telemannische Hauspostille“ ihre Harmonie dokumentiert hatten.

Der Sänger muss hier in ungewohnter Höhe agieren – ein Anspruch, der durch das getragene Tempo noch potenziert wird. Doch auch hier beeindruckt Mertens mit präziser Diktion und geschmackvoller Linienführung. Sprache ist für diesen Künstler kein Schmuck, sondern als Trägerin der Gesangsmelodie dieser stets ebenbürtig. Seine Interpretation hat immer auch rhetorischen Charakter. Ohne ins Pathos abzugleiten, lässt Mertens den klagenden Charakter der Musik unmittelbar hervortreten. Besonders edel sind die Klangkorrespondenzen zwischen der Gambe und Mertens‘ Stimme, die vom Fortepiano sanft untermalt werden.

Fazit: Die vorliegende Aufnahme erinnert den Hörer daran, dass Musikgeschichte nicht nur aus den großen Namen besteht, die heute das Konzertrepertoire dominieren. Dazwischen existieren unzählige musikalische Welten, die einst lebendig waren und heute fast vollständig verstummt sind. „Die Herzogliche Gambe“ lässt eine davon wieder hörbar werden.

Die Herzogliche Gambe – Franz Xaver Hammer, Joseph Haydn, Johannes Mathias Sperger | Thomas Fritzsch (Viola da Gamba), Klaus Mertens (Bassbariton), Michael Schönheit (Cembalo) | Rondeau Production ROP6287

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