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Behäbig und ohne Esprit

MAINZ (20. Januar 2024). Ein kurzer Blick zurück, um zu erklären, warum der Bachchor Mainz (im Bild beim Rheingau Musik Festival 2023) ein Benefizkonzert für seine eigene Rettung gibt: Im Spätsommer verkündete der langjährige Künstlerische Leiter nach ebenso langjährigen, immer wiederkehrenden Krankheitsausfällen, dass er das Dirigat niederlegt. Fast zeitgleich gab die Evangelische Landeskirche Hessen und Nassau (EKHN), die den Chor bisher jährlich mit einem sechsstelligen Betrag vergleichsweise üppig alimentiert hatte, bekannt, ihre Zuwendungen zu halbieren. Im April war mit Peter Eckes zudem der wichtigste Mäzen des Chores verstorben, so dass diese Quelle von jetzt auf gleich versiegte. Es war also kein gutes Jahr für den Bachchor Mainz, der im kommenden sein 70-jähriges Bestehen feiern könnte – wenn es ihn bis dahin noch gibt.

Das ist natürlich zu hoffen, denn dieses Ensemble gehörte in der Vergangenheit mit zum Besten, was die Landeshauptstadt (die ebenfalls zu den Unterstützerinnen zählt) zu bieten hat. Dennoch bleibt festzustellen, dass die beschriebene Misere auch mitverschuldet ist: Statt frühzeitig und aktiv einen talentierten Nachfolger zu suchen oder aufzubauen, hielt der Chor unbeirrt am gesundheitlich angeschlagenen Dirigenten fest, der sich immer wieder mit mal mehr, mal weniger Fortune vertreten ließ.

Als der verdiente Dirigent Ralf Otto nach beachtlichen 38 Jahren seinen Posten räumte, war es jedoch zu spät: Die Kirche muss sparen und tut dies bei der von manchem als ohnehin zu elitär empfundenen Hochkultur. Das ist durchaus bedauerlich, aber in Teilen auch verständlich: Für einen Kriegsherrn – die Geistlichkeit möge den Vergleich verzeihen – ist es sinnlos, ein bereits sturmreif geschossenes Fort zu verteidigen.

Und so muss der Bachchor Mainz, der von der EKHN immer noch einen mittleren fünfstelligen Bereich pro Jahr erhält – eine Zuwendung übrigens, von der andere Chöre vor Ort noch nicht mal zu träumen wagen – künftig eben kleinere Brötchen backen: ohne hochbezahlten Professor im Ruhestand und ohne eigene Managerin. Die Sängerinnen und Sänger, die zum Stamm gehören (der in der Vergangenheit gerne durch bezahltes Personal aus dem professionellen Sektor aufgestockt wurde), sangen ohnehin schon immer für Gotteslohn.

Für hoffentlich reale Beträge gab der Bachchor Mainz in der Christuskirche jetzt den „Messiah“ von Georg Friedrich Händel. Und um es gleich zu Beginn zu sagen: Wollte man damit zeigen, dass dieser Chor ein, wie in der jüngsten Vergangenheit mehrfach zu lesen war, „Leuchtturm“ ist, so tappte man mehr oder weniger im Dunkeln. Vom gewohnten Esprit des sonst auf hohem Niveau musizierenden Ensembles war in dieser von Martin Winkler geleiteten Aufführung nicht viel zu spüren. Wie schade, verdient, ja erzwingt doch die Wiedergabe eines so bekannten Werks eine markante, von eigenen Akzenten geprägte Interpretation. Stattdessen merkte man schon in der behäbig musizierten Sinfonia, dass hier kein barockes Feuerwerk abgebrannt werden würde. Dabei hätte Winkler mit „L’arpa festante“ durchaus das passende Orchester hierfür gehabt.

Der Chor hatte offenbar zu wenig Zeit, sich auf dieses Werk vorzubereiten: In den hier nun mal nicht seltenen Chorfugen rappelte es kräftig im Karton und auch das Zusammenspiel zwischen den beiden Klangkörpern wies Lücken auf. Martin Winkler, der bis zum Ende des Jahres die Chorleitung mit seinem Kollegen Tristan Meister kommissarisch übernimmt, vermochte es schlicht nicht, diesem „Messiah“ Kontur zu verleihen. Die Aufführung blieb Durchschnitt, was dahingehend fatal ist, dass mit ihr eben nicht der unbedingte Unverzichtbarkeitsanspruch der Einrichtung Bachchor dokumentiert wurde.

Auch das Solistenquartett, das wie alle anderen Beteiligten das Konzert dankenswerterweise pro bono sang, konnte nicht durchgehend überzeugen. Einzig Tenor Christian Rathgeber gefiel durch schlanke Linienführung, die er höchstens mit ein wenig zu viel dynamischen Spontanschwellern würzte. Jasmin Hörner (Sopran), Ulrike Malotta (Alt) und Hans Christoph Begemann (Bass) gestalteten diesen „Messiah“ hingegen mehr als Oper denn als geistliches Oratorium und legten mächtig Vibrato in ihre Arien, was einem schnell auf die Nerven ging. Zudem begannen gegen 17.45 Uhr die Glocken der Christuskirche überraschend zu läuten und „begleiteten“ Hörners „Rejoice“-Arie, wobei sich die Solistin bemerkenswert gegen dieses dröhnende Störfeuer (das erst nach fünf Minuten beendet werden konnte – die Tür zum Raum mit der Steuerung war abgeschlossen) behauptete.

55 Minuten brauchten die Künstlerinnen und Künstler allein für den ersten Teil, nach dem man sich gerne verabschiedete, um zu hören, wie denn der Nachfolger von Ralf Otto als Professor für Chorleitung in St. Ignaz seinen Einstand gibt. Die Besprechung dieses Konzerts finden Sie hier: https://schreibwolff.de/musik/hfm-mainz-chorkonzert-2024

Bis Juni 2024 stehen die Termine für die musikalische Gestaltung der Universitätsgottesdienste fest, die weiterhin vom Bachchor Mainz gewährleistet werden soll. Auf dem Programm stehen meist Kantaten und Motetten von Johann Sebastian Bach. Auch zwei weitere Abo-Konzerte sind geplant: im Oktober mit Bruckners e-Moll-Messe und im Dezember mit weihnachtlicher Chormusik. Genaue Informationen folgen auf der Homepage des Chores: https://www.bachchormainz.de/

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