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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Das Schweizer Messer des Humors

Obwohl sich dieses „Wort“ nicht im Duden findet, läuft bei einer ganzen Generation sofort ein kleiner Film ab, wenn der Begriff fällt: Palimpalim. Gerhard Wollner ist einer der Protagonisten dieses imaginären Streifens; er starb 1997, einen Tag vor seinem 80. Geburtstag. Der andere heißt Dieter Hallervorden und feierte seinerseits diesen runden Geburtstag am 5. September 2015.

Gerne hätte man mit ihm anlässlich des Jubiläums ein Interview geführt, doch die Agentur lässt ausrichten, dass Hallervorden derzeit keine Termine wahrnehmen wolle. In der Antwortmail findet sich die persönliche Begründung des Künstlers: „Muss zur Zeit unbedingt ausprobieren, wie sich das anfühlt, mal ein paar Monate überhaupt kein Interview zu geben, keine Schirmherrschaften zu übernehmen, keine Vorträge zu halten und keine Kongresse oder Shows, welcher Art auch immer zu besuchen! Bin einfach ‚interview-show-kongress-übersättigt‘ und muss mehr meinen eigentlichen Berufen nachgehen. Diese sind:

1. Theaterschauspieler, 2. Filmschauspieler, 3. Theaterleiter des Schlosspark-Theaters, 4. Theaterleiter des Kabaretts „Die Wühlmäuse“, 5. Übersetzer von Theaterstücken vom Französischen ins Deutsche, 6. Vater, 7. Ehemann, 8. Mensch, der ganz selten manchmal auch einen Tag frei haben möchte.“

Als würde Dieter Hallervorden geahnt haben, worauf man ihn alles hätte ansprechen wollen! Aber Hand auf’s Herz: Vielleicht wäre man ja auch ins Stottern gekommen, wenn man diesen Mann mit dem charaktervollen Knautschgesicht hätte treffen dürfen. Immerhin hat er einen selbst und unzählige andere Menschen über Jahre begleitet. Auch heute scheint er irgendwie zum Inventar der Republik zu gehören – wie Otto Waalkes oder Udo Lindenberg.

Ausgebildeter Schauspieler
Dieter Hallervorden wird 1935 in Dessau geboren und studiert nach dem Abitur Romanistik, Publizistik und Theaterwissenschaften. Mit 22 Jahren verlässt er die damalige DDR und nimmt bei Marlise Ludwig Schauspielunterricht. Sein erstes Engagement erhält er an der „Tribüne“ in Westberlin. 1960 gründet er dort mit Kollegen das Kabarett „Die Wühlmäuse“. Acht Jahre später entdeckt ihn das Fernsehen: In Wolfgang Menges Film „Das Millionenspiel“ gibt Hallervorden einen eiskalten Killer, 1974 in „Der Springteufel“ einen manischen Tramper.

Auch wenn diese Rollen sein schauspielerisches Talent dokumentieren, hat sich Hallervorden letztendlich vor allem in der Walhalla der Komödianten ein Monument geschaffen – nicht nur 1978, als er gemeinsam mit Helga Feddersen „Die Wanne ist voll“, eine Parodie auf „You’re the One That I Want“ von John Travolta und Olivia Newton-John, singt und damit auf Platz 4 der deutschen Charts landet. Vorerst ist er die Ulknudel der Nation: In den 1970er trifft er mit „Nonstop Nonsens“ den Humor der Zeit; 1975 flimmert die erste von 20 Folgen über den Bildschirm – zur besten Sendezeit. Darsteller sind neben Hallervorden Kurt Schmidtchen und Rotraud Schindler, mit der der Komiker mehrere Jahre lang verheiratet ist. Vor allem die kurzen Sketche haben sich in das kollektive Gedächtnis der Fernsehnation eingebrannt, legendäre Nummern wie die „Kuh Elsa“, der „Zumsel“ oder die Szene im Restaurant („Ins Hotel? 150 Mark?“). Dazwischen laufen Episoden wie „Didi zieht um“ oder „Didis erster Winterurlaub“ und zum Schluss kommt stets der „gespielte Witz“.

„Das ist nur Ihre Meinung.“
In den 1980er Jahren dreht Hallervorden diverse Komödien, die von der Kritik eher mäßig beklatscht werden: „Für Fans lustig“, lässt sich das Resümee zusammenfassen. Ein Streifen sticht heraus: „Didi der Doppelgänger“. In der Verwechslungsposse spielt Hallervorden den Berliner Wirt Bruno Koob sowie den Unternehmer Hans Immer, der sein Imperium mit nur drei Sätzen führt: „Ich brauche mehr Details.“, „Das ist nur Ihre Meinung.“ und „Schreiben Sie’s auf, ich beschäftige mich später damit.“ Die Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW) mit Sitz in Wiesbaden schätzt die Komödie immerhin als „wertvoll“ ein.

Eine zehnteilige Comedyserie mit dem Titel „Die Didi-Show“ knüpft 1989 an „Nonstop Nonsens“ an und in Reihen wie die „Spottschau“, „Hallervordens Spottlight“ und „Zebralla“ lebt Hallervorden seine satirische Ader aus. Auch hier zeigt der Komödiant eine bemerkenswerte Wandlungsfähigkeit, gibt den Bürger wie den Bonzen. 1996 und 1997 moderiert Hallervorden außerdem die Sendung „Verstehen Sie Spaß?“. Nach der Zeit der telegenen Präsenz tritt er dann aus dem Kegel des Bühnenscheinwerfers.

Neu erfunden
Heute hat es den Anschein, als habe er sich einmal mehr neu erfinden wollen: 2009 erweckt er das Berliner Schlosspark Theater in Steglitz aus seinem Dornröschenschlaf und investiert einen Teil seines Privatvermögens: „Damit meine Erben später mal nicht zu hohe Dankesverpflichtungen haben“, sagt er augenzwinkernd. Auf der Homepage des Musentempels schreibt der Künstlerische Leiter: „Die Glotze ist uns fremd geworden, heut‘ gehen wir zu Hallervorden!“ Auf den Spielplänen stehen Namen wie Susanne von Borzody oder Katharina Thalbach, Volker Lechtenbrink oder Richy Müller.

Einer, der Hallervorden ebenfalls als Kollegen kennt, ist der Mainzer Kabarettist Tobias Mann. 2007 erhielt er in den „Wühlmäusen“ den Publikumspreis des Großen Kleinkunstfestivals und sagt über den Älteren: „Er hat viel zu meiner humoristischen Sozialisation beigetragen. In meiner Kindheit gab es wohl keinen ‚Didi-Film‘ und keine seiner Fernsehserien, die ich verpasst hätte. Ich weiß nicht, wie oft ich mit meinen Vater ‚Didi der Doppelgänger‘ – bis heute mein Favorit! – im Kino gesehen habe. Bewundernswert finde ich vor allem seinen Facettenreichtum als Künstler. Hallervorden ist nicht nur Komiker, sondern auch Kabarettist und Schauspieler. Er ist quasi das Schweizer Messer des Humors.”

Von wegen „Sein letztes Rennen“
2013 gelingt Hallervorden dann mit dem Film „Sein letztes Rennen“ der erste von zwei Paukenschlägen: In der Rolle des fiktiven Marathonläufers Paul Averhoff setzt sich der Mime mit dem Thema Alter, Tod und Trauer sowie dem Mut zum Leben auseinander – glaubwürdig und anrührend. Man staunt. Und erlebt nur ein Jahr später mit „Honig im Kopf“ fast noch eine Steigerung: An der Seite von Till Schweiger und dessen grandios agierender Tochter Emma gibt Hallervorden den an Alzheimer erkrankten Tierarzt Amandus Rosenbach. Diese Tragikomödie geht äußerst behutsam mit einem sensiblen Thema um. Hallervorden schafft es hier, sämtliche Register seiner Kunst zu ziehen: Der Film ist gelungene Unterhaltung, hat enormen Tiefgang wie urkomische Momente – eine gelungene Gratwanderung zwischen Witz und Würde.

Am 5. September kann sich also ein Künstler feiern lassen, der deutsche Fernseh-, Bühnen- und Filmgeschichte geschrieben hat: Dieter Hallervorden brachte als Didi unzählige Menschen zum Lachen, unterhielt als Schauspieler, hielt einem als Kabarettist den Spiegel vor und rührte als Rentner Paul und vor allem Opa Amandus zu Tränen. Er ist wohl das, was man ein Multitalent nennt. Wer alle Facetten dieses Künstlers und seine grandiose Entwicklung mehr oder minder bewusst miterleben durfte, ist reich beschenkt. Und sollte im Geiste auf sein Wohl anstoßen – zur Not auch mit einer Flasche Pommes frites.

Am 27. August erschien „Honig im Kopf“ auf DVD. Ebenfalls erhältlich sind unter anderem „Sein letztes Rennen“ sowie als Box sämtliche „Didi-Filme“ und alle Folgen von „Nonstop Nonsens“. Lesenswert ist auch die Biografie, die Dieter Hallervorden 2005 unter dem Titel „Wer immer schmunzelnd sich bemüht“ veröffentlichte, sowie „Das große Dieter Hallervorden Buch“ von Tobias Hohmann.

[Fotos: Agentur more than actors | ARD/Degeto | schöne neuhauser filmproduktion, nadja klier]

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