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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Düsseldorfer Kom(m)ödchen spielt „Couch“

Eigentlich muss er sein Kabarettprogramm für vegetarisch angehauchte Metzger schreiben, aber er kommt einfach nicht dazu, denn Christian Ehring wird immer wieder gestört: von seinen Nachbarn Jana, Micha, Isabel, Elmar, Klaus und Manu – gespielt von Maike Kühl und Heiko Seidel.

Dieses Panoptikum alltäglicher Figuren mit ebensolchen Problemen bringt den armen Christian oft genug zur Verzweiflung, bis er sich auf seine Couch setzt und begreift: Das Leben schreibt nicht nur die besten Geschichten, sondern auch gleich ganze Kabarettprogramme – und die brauchen vom Kabarettisten oft nur noch notiert zu werden.

Das aktuelle Programm des Düsseldorfer Kom(m)ödchens heißt „Couch“ – und ist schlichtweg genial: Witzig, aktuell, philosophisch, kritisch und unterhaltsam regt es zum Nachdenken an – kurz: Kabarett, wie es sein soll und wie man es von der renommierten Kleinkunst-Bühne eben auch gewohnt ist.

Die drei Protagonisten spielen ihre Rollen glänzend. Ob egomanischer McKinsey-Mitarbeiter, vierfach Mutter gewordene Ex-Star-Anwältin, frustrierte Kellnerin, arbeitsloser Philosoph oder verklemmtes Pärchen, dessen männlicher Part an „Karl-Heinz im Endstadium“ leidet: Kühl, Ehring und Seidel agieren mit galantem Wortwitz, wunderbar überzogenen Charakteren und brisanter Aktualität.

Micha zapft beim Nachbarn Strom, um von den großen Energiekonzernen unabhängig zu werden, Isabel beklagt als Mutter aus dem erotischen Roulette geflogen zu sein und der beinharte Unternehmensberater Elmar („Echte Männer essen keinen Honig – sie kauen Bienen!“) zieht alle Blicke auf sich. Brillante eingestreute Lieder über die Generation Praktikum oder das fehlende erotische Prickeln in der Politik und herrliche Szenen wie der Tag im Leben von Familienministerin von der Leyen sind ein zusätzlicher Gewinn für das ohnehin schon an gut gesetzten Pointen reiche Programm.

Natürlich kommt auch der rheinische Lokalkolorit nicht zu kurz, wird aber elegant auf die deutsche Mentalität übertragen: „In Neuss haben sie jetzt in einer Skihalle die Alpen nachgebaut“, sagt Christian Ehring und fügt lakonisch dazu: „Stellen Sie sich das mal in Österreich vor: Dann hätten sie in einer Halle ja Neuss nachgebaut.“ Solche und unzählige weitere Bonmots machen die Würze des Programms aus.

„Couch” ist ein rasantes Theaterstück und dank des mimischen Talents seiner Schauspieler spannend und urkomisch. Die ernüchternde Schlusserkenntnis, dass sich sowieso nichts ändert und ändern sollte, ist so schlimm aber nicht: Denn würde sich einmal alles zum Besseren wenden, bräuchte das Kom(m)ödchen solche Programme nicht mehr spielen – und das wäre nun wirklich eine Verschlechterung…

Der WDR hat eine Aufführung dieses empfehlenswerten Kabarettprogramms für DVD produziert. Mehr dazu und zum Düsseldorfer Kom(m)ödchen gibt es im Internet unter www.kommoedchen.de.

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