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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Villa Musica präsentiert eine gewagte Kombination von Bachs Goldbergvariationen und einer Uraufführung

Die „Clavier-Übung, bestehend aus einer Aria mit verschiedenen Veraenderungen fors Clavicimbal mit 2 Manualen“ von Johann Sebastian Bach und quasi als Bindeglied das 2008 von Fabrizio Casti komponierte „Stasi Brulicante“ bildeten eine gewagte Kombination eines Konzerts in der Villa Musica-Reihe „Musik in Burgen und Schlössern“.

Die „Goldbergvariationen“ haben schon unzählige Künstler inspiriert: Einspielungen mit Streichtrio, Bläser-Ensemble, Orchester, ja sogar mit Saxophonisten ergänzen jene mit Klavier. Das jüngste Konzert der Villa Musica-Reihe „Musik in Burgen und Schlössern“ fand im Erthaler Hof in Mainz statt und präsentierte die „Goldbergvariationen“, vom Bach-Preisträger Francesco Corti am Cembalo gespielt, daher sozusagen im Original.

Wobei die Werkauffassung des italienischen Künstlers keinesfalls der jener Anekdote entsprach, nach der die 1742 veröffentlichte Musik als Schlaflieder für den Grafen Keyserlingk am sächsischen Hofe gedacht waren. Corti orientierte sich eher am verbürgten Auftrag, der seinerzeit Stücke „sanften und etwas munteren Charakters“ forderte.

Den sanften Impetus verfolgte Corti in der Aria, die er ruhig und fast schon kontemplativ gestaltete. Mit Verzögerungen und Beschleunigungen sowie einem intensiven Auskosten der verzierenden Stilmittel legte der Künstler die Marschrichtung des Abends fest: gegen den Mainstream mit seinen geleckten und einheitlichen Interpretationen hin zu einem eigenwilligen und tatsächlich variierenden Werkverständnis.

Kontrastreich spielte Corti nicht nur die ersten 15 Variationen. Dass ihm hierbei manche Flüchtigkeit unterlief, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt; offenbar musste sich der Künstler erst mit dem Instrument anfreunden, denn die Ungenauigkeiten nahmen im zweiten Konzertteil zusehends ab.

Dem Part mit dem durch die prächtige Ouvertüre der 16. Variation eröffneten zweiten Teil ging eine Uraufführung voraus: Das eigentlich als Prolog zu den „Goldbergvariationen“ 2008 von Fabrizio Casti (* 1960) komponierte „Stasi Brulicante“ bildet nur auf den ersten Blick einen groben Kontrast zu Bachs filigranem Tonsatz. Melodisch hat es freilich kaum etwas damit zu tun, doch verfolgt es in der Idee Ähnliches: Ist es dort die Arie mit ihren Veränderungen, sind es hier Klänge und Cluster, die zwar einander ähneln, jedoch nie identisch sind und in beständigem Wandel eher zufällig anmuten.

Der Komponist Casti hat dieses Werk Francesco Corti gewidmet, dem nach seinen Worten „unfehlbaren Deuter der in der Partitur niedergelegten Zeichen“. Dieser Wertschätzung kam der Künstler auch und gerade in den schnellen Tempi der letzten „Goldbergvariationen“ nach, deren rasante Staccato-Melodien und kurze Spitzentöne für Bachs Zeitgenossen weiland ebenso unfassbar wirkten wie für den heutigen Zuhörer das mit „Wimmelnder Stillstand“ umschriebene „Stasi Brulicante“ von Fabrizio Casti : eine gewagte, doch letztendlich stimmige Kombination.

Für wen dann noch ein versöhnender Schluss vonnöten war, dem spielte Corti als Zugabe ein herrlich fließendes und vitales „Les Baricades Mistérieuses“ von François Couperin.

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