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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Hitzewallungen ins Publikum hinein

MAINZ (20. Mai 2012). Sie ist das, was man eine Powerfrau nennt: Gayle Tufts, die Wahlberlinerin mit amerikanischem Migrationshintergrund, 51 Jahre jung und mitten in den Wechseljahren. Was natürlich keine Indiskretion sein soll.

In ihrem aktuellen Programm „Some like it heiß“ kauderwelscht sich die Vollblutentertainerin mit dem an ihr so geschätzten lockeren Zungenschlag mitten hinein ins Epizentrum dessen, über das frau lieber schweigt: die Menopause, das Klimakterium. Oder, wie es in Amerika heißt: the change, die Veränderung. Als solches sieht sie es selbst, doch dazu später.

Zuvor taucht sie Hals über Kopf ein in dieses letzte Tabu: „Heute redet man über jede sexuelle Abartigkeit, aber die Wechseljahre sind immer ein Kommunikationskiller.“ Und überhaupt: „Was wird da ausgewechselt? Klingt nach den Reifen für Sebastian Vettel.“ Auch bei diesem Thema packen ihre amerikanischen Sprachwurzeln wieder fest zu, wenn sie spöttisch die Verklemmtheit aufs Korn nimmt, mit der hierzulande über Körperliches nur geflüstert wird. In Berlin genießt sie im Sportstudio „Bodyshape“, auf den Tourneen heiße das in den Fitnesstempeln vor Ort aber immer Problemzone: „Wovon the hell reden die da? Griechenland? Portugal?“

Man könnte ihr stundenlang zuhören, wie sie über das vermeintlich Pikante referiert. Ihre englischen Einflüsse in das Deutsche sorgen immer wieder für Abwechslung, so dass der rote Faden stets gespannt bleibt. Elegant flankieren Gesangseinlagen, in denen sie am Flügel brillant von Marian Lux begleitet wird, die Show: „Feaver“ von Eddy Coley im Original, peinlich ins Deutsche übersetzt oder französisch und sich dabei lasziv auf dem Flügel räkelnd ist nur einer der Höhepunkte, die sie mit ihrem blutvollen Alt intoniert.

Sie hält es lieber mit ihrer verstorbenen Mutter, von der auch in ihrem Buch „Some like it heiß“, aus dem sie liebevoll vorträgt, die Rede ist: Sie schätzte „the change“ und beachtete die Begleiterscheinungen wie Hitzewallungen oder Gereiztheit weniger als die Möglichkeit, jene Veränderung zu zelebrieren. Und so schreit es Gayle Tufts auch befreit und befreiend ins Publikum: „The Medien, the Modezeitschriften, Karl Lagerfeld, der sagt Adele sei zu dick, die Gesellschaft, die die Frau über die Gebärmutter identifiziert, Fundamentalisten – fuck you!“

Solche Worte sitzen und bei allem Witz um die letzte Blutung, den Damenbart, der sie nach 14 Tagen wie Wolfgang Thierse aussehen lasse oder die Hymne der „Eierstockarbeiterin“ im Stile von Bert Brecht und Hans Eissler tönt doch auch dieses „Es reicht!“ nach. Wo Gerburg Jahnke und Stephanie Überall als „Missfits“ angefangen haben macht Gayle Tufts weiter: mit Lust an einem Tabu zu sägen, das bei Licht betrachtet eigentlich gar keins sein dürfte.

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