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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Kabarett, das die Zähne zeigt: Lothar Bölck ist „Macht Los! oder Aus und dabei“

Wenn Lothar Bölck, der sich selbst als Bundesbürger mit ostdeutschem Migrationshintergrund vorstellt, während des Kalten Krieges eines gelernt hat, dann, wie man das Eis bricht: Schon mit dem ersten Schritt auf die Bühne prasseln die Pointen aufs Publikum nieder – und das freut sich darüber wie die Blumen über einen warmen Frühlingsregen.

Bölck schlüpft in seinem Programm „Macht Los! – oder Aus und dabei“ in diverse Rollen vom um seine Wiederwahl bangenden SPD-Abgeordneten über den besoffenen Parlamentarier und den Arbeiter im Sägewerk bis hin zum abgehalfterten Sänger oder tumben Schützenvereinsmeier. Dabei gebraucht der „bissige Mund“ mit der „Lizenz zum Nervtöten – also der Westerwelle des Kabaretts“ sämtliche Stilmittel von hintersinnigem Witz bis zur flachsten Zote. Hier macht’s die Mischung.

Da ist das Publikum Gast auf der vorgezogenen Wahlparty des sozialdemokratischen Hinterbänklers, der seine Frau in den „Beck-Stage“-Bereich schmuggelte, um live über seine Listenplatzierung unterrichtet zu werden. Verdient hätte er’s, ließ er sich doch zum Ärger der Gemahlin bisher nie bestechen. Die Machtmenschen, die auch was einstecken können, sind ein ewig aktuelles Thema – und manchmal wird ein Programm auch von der Wirklichkeit überholt. Dankbar nimmt Bölck die Vorlage an: „Klaus Zumwinkel – da steckt die Aufforderung ja schon im Vornamen.“

Ihm geht vieles gegen den Strich: Wenn er mit Schäuble, „dem einzigen Politiker mit Profil“ abrechnet, wird Bölck sogar aggressiv. Wobei: Als der garstige Scherz ätzend ins Publikum tröpfelt, merkt der Kabarettist nur schelmisch an: „Für ihre Gedanken bin ich nicht verantwortlich.“ An anderer Stelle lässt er den kleinen Mann die Pflegemisere betrachten: „Was ist das für ein Land, in dem wir uns darum sorgen, ob die Hühner glücklich sind, aber die Alten wegsperren?“

Ein weiterer Glanzpunkt ist die Turnstunde, in der Bölck wieder in die Rolle seines Sozis schlüpft: Als Trainer übt er mit den Kollegen Abgeordneten die Disziplinen Beugen, Kriechen, Abnicken und Rolle rückwärts, diagnostiziert bei Herrn Pofalla mangels Rückgrad Phantomschmerzen im Kreuz, lässt Westerwelle den Hampelmann turnen, Oettinger Heilgymnastik betreiben und das ganze Parlament auf der Stelle treten.

Gelungen ist auch der trunkene Redner, der mit hochprozentigen Kalauern beweist, dass im Wein viel Wahrheit liegt. Zum Thema Organspende verweist der Schluckspecht auf die Masse an „Humanschrott“: „US-Präsidenten, hohe Generäle und Showmaster.“ Und wieder schlägt Bölck gnadenlos zu, wenn er den „wertvollen Suizidkandidaten“ versichert: „Wir lassen die Unterschicht nicht hängen.“ In solchen Überzeichnungen liegt die Kraft dieses Kabaretts, mit dem der Brass über die deutsche Politik in humoristische Bahnen kanalisiert wird.

Bleibt noch das Schicksal des SPDlers, der seinen Listenplatz ausgerechnet an seine scheidungswillige Frau verliert. Lothar Bölck löst das Dilemma mit einem pikanten Kabinettstückchen à la Goethe, in dem der Volksvertreter a.D. in spe seine Seele an den Teufel verkauft, den Kontrakt allerdings mit gedoptem Fremdblut unterschreibt: „Nur der gehört ins hohe Haus, der selbst noch trickst den Teufel aus.“

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