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Jan-Geert Wolff

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Stephen Temperleys „Souvenir“ feiert gelungene Premiere am Berliner Renaissance-Theater

BERLIN – Singe, wem Gesang gegeben! Auf die New Yorker Millionärserbin Florence Foster Jenkins traf dies sicherlich nicht zu. Was sie nicht daran hinderte, in Konzerten das Kunstlied, nun ja, zu „pflegen“. Die gespielte Begeisterung des Publikums hingegen war blanker Hohn ob dieser fatalen Selbstüberschätzung. Am Berliner Renaissance-Theater hatte jetzt Stephen Temperleys Stück „Souvenir – eine Phantasie über das Leben der Florence Foster Jenkins“ als deutschsprachige Erstaufführung mit Désirée Nick und Lars Reichow seine gefeierte Premiere.

Dass viele Menschen nicht so richtig schön, ja nicht einmal schön richtig singen können, ist kein Verbrechen, solange sie sich des anfangs zitierten volksmündlichen Sinnspruchs erinnern. Zur ahndungswürdigen Untat wird es allerdings, wenn sie sich ihr Unvermögen verkennend auf die Bühne stellen und das des Hörens mächtige Publikum mit dem, was sie für Gesang halten mögen, quälen.

Und doch: Die Florence Foster Jenkins, die Désirée Nick da so glamourös und überzeugend verkörpert, hat was, wenn auch erst mal nur die Millionen ihres verstorbenen Vaters. Aber auch ein Publikum, das sie in ihrem künstlerischen Bestreben bestärkt, aber jedes Mal auch nach Luft schnappt, um am glucksend verschluckten Lachen nicht zu ersticken.

Was der Begnadeten zu ihrem Glück noch fehlt, ist einzig der Pianist. Ein heutiger „Kollege“, der berühmte Irvin Gage, verbat sich einmal die Bezeichnung „Liedbegleiter“ und betonte zu Recht seine Rolle als Liedpianist. Im Gefolge der kritikresistenten Jenkins, die von ihrem Selbstbewusstsein wie eine Wolke schweren Parfüms eingehüllt wird, hätte aber selbst er sich wahrscheinlich gerne zum einfachen Begleiter degradieren lassen und wäre im Schatten des Flügels vor Scham versunken.

So wie anfänglich auch Cosme McMoon, dessen Charakter dem Mainzer Kabarettisten Lars Reichow geradezu auf den Leib geschrieben scheint. Aber er ist jung und braucht das Geld, weswegen das dynamische Duo alsbald die Probenarbeit aufnimmt, um im Ritz Carlton erste „Konzerte“ zu geben – von einem wachsendes Publikum zunehmend amüsiert goutiert.

Die Geschichte klingt wie von einem garstigen Zyniker erdacht, wie das Drehbuch zu einer rabenschwarzen Komödie, ist jedoch bis zu jenem Finale 1944 in der New Yorker Carnegie Hall, das die 76-jährige Florence Foster Jenkins mit McMoon gab, historisch belegt. Den Weg vom ersten Tastenschlag des Pianisten bis dort hin erzählt „Souvenir“ in der deutschen Übersetzung von Lida Winiewicz mit einer zuckrigen Süße, die sich erst im Abgang zartbitter entfaltet und gekonnt herb aufstößt.

Aus der Sicht von Cosme McMoon, der zwischendurch immer wieder die Geschichte raffend kommentiert, entspinnt sich eine Parabel im Gewand der Farce: Hybris, Selbstüberschätzung und Starrsinn auf der Seite der Sängerin, anfängliche Zweifel, pure Angst und schließlich doch der durch ein Bündel Dollarnoten legitimierte Kompromiss wider die eigene künstlerische Überzeugung seitens des Pianisten.

Das Bühnenbild von Vasilis Triantafillopoulos ist wohltuend spartanisch, aber äußerst effektvoll aufgebaut: Nichts lenkt vom eigentlichen Star ab, im Vordergrund parliert Reichow, der der Rolle des McMoon durch die legere Leichtfüßigkeit des Kabarettisten eine ironische Tiefe verleiht, am Flügel, von hinten rauscht die Nick tief dekolletiert heran und erblickt in großflächigen Spiegeln – nur sich selbst.

So groß wie das von Reichow nachdrücklich gespielte Entsetzen McMoons, als Jenkins mit einem Plattenvertrag wedelt, ist das genüssliche Grauen, mit dem das Auditorium im Renaissance-Theater die Ergebnisse der Aufnahmen mit katastrophalen Koloraturen, verhauenen Vokalisen und ignorierten Intervallen anhört. Fast unmerklich wird es dabei jedoch zum Mitspieler, zum blutgierig applaudierenden und dabei spöttisch quiekenden Publikum. Doch kann man anders, wenn Florence Foster Jenkins den Augenblick der Selbsterkenntnis ungenutzt verstreichen lässt, Cosme McMoon aber vorwirft, sein – ohnehin verstimmtes! – Klavier würde schleppen?

Die Wahrheit, nämlich dass „Madame Flo“, so gar keinen Ton trifft und sich schwerster akustischer Umweltverschmutzung schuldig macht, bleibt außer ihr keinem verborgen. Auch dem gut gelaunten Publikum im Berliner Renaissance-Theater nicht: Mozarts „Königin der Nacht“ wird von der Mimin so grottenschlecht „gesungen“, dass sich die Nackenhaare Igelstacheln gleich ihren Weg durch die Abendgarderobe bahnen wollen. Dabei kann Désirée Nick durchaus bei Stimme sein; ihre schaurig-schrägen Töne klingen dennoch nicht affektiert und gewollt falsch, was eines der vielen kleinen Signets dieser feinen Inszenierung ist.

Das finale Konzert in der Carnegie Hall gerät schließlich zum furiosen Fiasko, als die Jenkins in wahrhaft atemberaubenden Kostümen (Andreas Janczyk) – mal als schwarze Madonna mit Fledermausgestus, mal als spanisches Folklorepüppchen oder quietschbunt aufgedonnerte Geisha – über die Bühne schwebt. Damit trifft sie, wenn schon nicht den Ton, zumindest den Lachmuskel.

Aber noch während sich das Berliner Publikum bei Gounods „Ave Maria“, das die Jenkins mit Engelsflügeln verziert als traditionelle Zugabe gibt, johlend auf die Schenkel schlägt, lässt die Dramaturgie (Gundula Reinig) zusätzlich Gelächter und Getrampel vom Band über die Protagonisten hereinbrechen – und das Publikum im Saal verstummt. Mit einem Ruck kippt die Stimmung vom Komischen ins Tragische und es läuft einem ob der eben noch verspürten eigenen Schadenfreude eiskalt den Rücken herunter.

Als auch das Johlen aus der Konserve erstirbt, sitzen Jenkins und McMoon in gespenstischer Stille auf der Bühne: sie mit verschmiertem Make up, er mit schönfärbenden Argumenten, dass das Lachen doch eigentlich ein unbeholfenes Zeichen purer Begeisterung war. Und plötzlich geraten die Charaktere ins Schwanken: Jenkins spürt die Blamage und McMoon beharrt auf ihrer Lebenslüge – zu tief haben sich beide darin verstrickt.

Doch Einsicht ist die Sache der Jenkins, die ausgerechnet beim Notenkauf in einer Musikalienhandlung einen Herzinfarkt erleidet und kurze Zeit später an den Folgen stirbt, letztendlich nicht und nächste Konzerte sind bald schon geplant. Viele weitere Aufführungen von „Souvenir“ in dieser großartigen Besetzung hoffentlich auch.

Und doch bleibt ein bitterer Nachgeschmack, der nicht vom Stück selbst, der Regie Torsten Fischers oder gar diesen beiden brillanten Darstellern hervorgerufen wird: Wenn Deutschlands Privatsender demnächst wieder tausenden Jugendliche anbieten, vor laufender Kamera und im Tausch gegen ihre Würde einer fragwürdigen Jury nebst einem höhnenden Millionenpublikum ihr stimmliches, rhythmisches und überhaupt musikalisches Unvermögen zu präsentieren, bekommt „Souvenir“ eine ganz erschreckende Aktualität.

Mit einem Unterschied allerdings: Das Publikum der Florence Foster Jenkins zahlte für die Benefizkonzerte wenigstens noch einen Obolus, der bedürftigen Menschen zugute kam. Somit hatte die selbst inszenierte, doch nicht als solche wahrgenommene Bloßstellung der Diva letztendlich noch eine Anflug von Sinn. Die heutigen Foster Jenkins sind oft selber in vielerlei Hinsicht die Bedürftigen, machen sich aber mit gleichem Übermut auf den Weg zum Superstar. Und scheitern unter der telegenen Häme – ohne Substanz, ohne Sinn und leider eben auch ohne Papas Millionen in der Hinterhand…

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