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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Ständig unter Strom: Werner Brix spielt „Brix im Megaplexx“

Seine Mimik und Gestik sind fahrig, ständig blickt er auf die Uhr, zuppelt am Jackett herum, kratzt sich, schnippt imaginäre Schuppen von der Schulter, hängt am Handy mit einem unfähigen Mitarbeiter – kurz: Die Kunstfigur, die der österreichische Kabarettist Werner Brix in seinem aktuellen Soloprogramm „Brix allein im Megaplexx“ da auf die Bühne zaubert, steht ständig unter Strom, um das Leben auf der Überholspur zu meistern.

Doch Brix hat da ein kleines Problem: Irgendwie wächst ihm alles über den Kopf, weswegen er sich zu einer Therapie entschlossen hat – das Publikum übernimmt dabei die stumme Rolle des Psychiaters und erlebt die vielleicht gar nicht mal so überzeichnete Karikatur des modernen Managertypen, in dessen Gegenwart man sich gar nicht so recht wohl fühlen möchte.

Dazu kommt eine gut gespielte, grenzenlose und keck dialektgestützte Überheblichkeit, denn Brix mag zwar ein Problem haben – nur sieht er das nicht so: „Stress ist nichts schlechtes, in diesem Zustand bin ich schnell und konstruktiv“, glaubt er zu wissen. Alles wird erst mal an sich gerissen: „Und dann lasse ich das auf mich zukommen, um irgendwann nur noch Vollgas zu geben: Nur noch ich gegen die Zeit und den Rest der Welt – das hat was Archaisches.“

Dem Zuschauer wird schnell klar: So kann es nicht funktionieren. Und doch mag man sich in der Übertreibung gelegentlich wieder erkennen. Wenn Brix die Instantsuppe als „adäquates Essen für den Manager von heute“ lobt, wenn er es in der Therapiesitzung erst im zweiten Anlauf schafft, einen Augenblick den Mund zu halten und daran leidet wie ein Junkie auf Entzug oder als Ziel „Immer gesund, immer viel Geld und Sex bis ins hohe Alter“ nennt und eine Software entwickelt, die den vollen Terminkalender nach Lücken für eine Pinkelpause durchforstet, stellt sich doch individuell die Frage, wie man selbst mit seiner Zeit umgeht.

Ganz leise und quasi am Rande fragt der ansonsten bis zum Anschlag aufgedrehte Brix, wo das alles hinführen mag: Warum die Wirtschaft immer weiter wachsen soll, wo man doch eh’ schon alles habe. Und was es bringt, dass das ganze Leben von der elektrischen Zahnbürste bis zum Videorecorder perfekt getimt ist: „Alle rennen davon, aus Angst, dass die anderen schneller sind – aber die rennen aus dem gleichen Grund.“

In einem kafkaesken Traum, der in einem reizüberfluteten Megaplexx-Center spielt, kommt Brix schließlich zur Einsicht, dass Entschleunigung Not tut. Er, der sich nicht mehr an die Augenfarbe seiner Tochter erinnert, sehnt sich nach dem Nichts. Dass das jedoch nicht halbherzig zu schaffen ist, wird überdeutlich, wenn der Gehetzte diese Ruhe möglichst schnell finden möchte…

Mit beißender Ironie malt Werner Brix hier ein modernes Sittengemälde, das man schon konzentriert betrachten muss: Österreichs Kabarettisten sind nicht immer leicht verdaulich, das kennt man von Kollegen wie Josef Hader oder Alfred Dorfer. Was dann aber zur Sprache kommt, ist des Nachdenkens wert – Kabarett muss eben nicht immer nur lustig sein.

Mehr über Werner Brix gibt es im Internet unter www.brix.at.

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