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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Rheinhessen aus der Vogelperspektive

Vielleicht ist der Traum vom Fliegen ja so alt wie die Menschheit selbst? Heute muss man wenig tun, um abzuheben, auch wenn viele Menschen in der Region diesen Fortschritt angesichts des Fluglärms durchaus hinterfragen werden. Doch Fliegen ist nicht immer mit Getöse verbunden, sondern kann auch nahezu lautlos vor sich gehen. In einem Heißluftballon hört man nur zuweilen das Fauchen des Gasbrenners – ansonsten herrscht in rund 250 Metern Höhe vor allem eines: Stille.

Professionelle Ballonfahrten kann man überall mieten; in Rheinhessen unter anderem bei der Freiballon-Sportschule A. und R. Mathes in Selzen, der ältesten gewerblichen Schule für Ballonfahrer in Deutschland. Deren Inhaber ist heute auch der Pilot und heißt Holger Scheibel. Ob man auch in die Luft gehen kann, wird die Wetterlage am Abend entscheiden. Dann sind, wie am Morgen, die thermischen Bedingungen günstig genug. Und wenn auch noch der Wind mitspielt, steht dem versprochenen „Logenplatz am Himmel“ nichts mehr im Wege.

Um 19 Uhr trifft man sich auf einer großen Wiese vor den Toren Selzens, wo der Ballon unter Mithilfe der Reisegäste präpariert wird: Schon das ist ein Erlebnis für sich, wenn der Brenner auf dem vertrauenserweckend soliden, stählernen Korbgerüst montiert und die Gasflaschen verstaut werden: noch liegt der Korb umgekippt am Boden, denn erst muss mit Hilfe eines Gebläses die heiße Luft in die Hülle aus Nylon gepustet werden. Langsam wölbt sich der Ballon, mit dem inneren Seilgerüst kann der Pilot diverse Ventile steuern. Zuvor wurde man eingewiesen, wo man sich festzuhalten hat und „was nur mein Spielzeug ist“, wie Scheibel scherzend warnt: Finger weg von Gasflaschen und Schläuchen!

Dann muss alles ganz schnell gehen! Der Korb wird in Position gebracht, die Passagiere steigen über die Reling zu und heben ab: Lautlos schwebt man himmelwärts. Wohin die Reise geht, liegt in den Händen von Äolus, dem Gott der Winde. Die Luftströmung allein bestimmt Richtung und Geschwindigkeit des Ballons; nur durch Betätigung des Brenners, der heiße Luft in den Ballon pustet, bestimmt der Pilot die Flughöhe.

Was man während der Fahrt zu sehen bekommt, ist faszinierend: Von Selzen geht es über Undenheim und Biebelnheim Richtung Alzey. Aus der Vogelperspektive sieht man Windräder, die sich träge in der Abendbrise drehen. Über Biebelnheim hört man ein Hundebellen. Grüßt da wer? Aber ja: Auch viele Zweibeiner recken die Hälse, rufen „Hallo!“ und winken. Man grüßt zurück: die Familie, die da im Garten sitzt, den Biker, der unter einem hinwegflitzt. „Immer wenn im Discounter Minipools oder Trampolins im Angebot sind, merkt man das am Ortsbild“, grinst Holger Scheibel.

Während seine Fahrgäste über Rheinhessen schweben und die wie mit dem Lineal gezogenen Rebzeilen bestaunen, hat er alles im Blick – vor allem die Sicherheit: Scheibel hebt nur ab, wenn die Witterung keine Gefahr darstellt. Das bedeutet auch, dass ein Termin kurzfristig abgesagt werden kann. Angesprochen auf die schweren Unglücke bei Ballonfahrten jüngst in Ägypten klopft er in Ermangelung des Holzes auf das Korbgeflecht: In den bald 20 Jahren, in denen er als Ballonpilot unterwegs ist, sind alle stets heil angekommen – abgesehen vielleicht von ein paar Ähren bei mancher Landung; aber gegen Flurschäden ist das Unternehmen versichert.

Rund 90 Minuten dauert die Fahrt – mit einem Heißluftballon fliegt man nicht, man fährt! – und mittlerweile nimmt man Kurs auf Alzey. Über das eigene Haus ging es heute nicht, dafür schwebt man immerhin über die Praxis des Zahnarztes, bestaunt das Schloss aus der Luft und goutiert, wie die Postautos in Reih‘ und Glied auf dem Parkplatz stehen. Wer schon einmal das Hamburger „Miniaturwunderland“ besucht hat, kann sich das Panorama gut vorstellen.

Am Seckenthaler Graben geht es runter: Der Acker kommt immer näher, der anvisierte Feldweg aber auch. Punktgenau setzt Scheibel den Korb dort auf, nachdem er ein paar Rübenblätter touchiert hat: Chapeau, Herr Pilot! Und da taucht auch schon das „Verfolgerfahrzeug“ auf, das den Ballon und seine Passagiere wieder an den Startpunkt in Selzen bringt. Mittlerweile dämmert es, der Sonnenuntergang vom Ballon aus betrachtet war grandios: Mag die Freiheit über den Wolken grenzenlos sein, knapp darunter ist die Aussicht auf jeden Fall imposanter.

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