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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Auszeit auf dem Meer

Wer seine Ferien auf einer der griechischen Kykladen verbringt, nimmt meist von Piräus aus die Fähre um die Insel zu erreichen. Und wenn das Schiff den Hafen verlässt, sieht man die Kaimauern in der Ferne gemächlich, irgendwann gleichsam in den Wellen verschwinden.

Dann ist der Abschied vom Alltag fast schon mit den Händen zu greifen und nur die Tatsache, dass man bald ebendiesen Hafen und damit auch den Alltag wieder anlaufen wird, vermag den schönen Gedanken zu trüben, dass man diesen nun erst mal auf Zeit los ist.

Ähnlich mag es auch Judith Rahner und Lars Berg gegangen sein – allerdings beschlich sie diese Vorfreude bereits viel früher. Und vor allem an einem anderen Ort: in Darmstadt, wo beide leben und arbeiten. Ihr „Urlaub“ dauerte zugegebenermaßen auch etwas länger: Für fast vier Monate verabschiedeten sie sich von ihrem Zuhause und dem beruflichen wie privaten Umfeld, um auf See ein „kleines Sabbatjahr“ zu nehmen. Außerdem wollten sie mit ihrem neuen Segelboot, der „Bommie“, auf Jungfernfahrt gehen. Vom slowenischen Izola aus stach man am 31. März 2013 also für hundert Tage in See.

Doch bevor Judith und Lars somit von der Bildfläche des heimischen Festlands verschwanden, galt es diverse Sachen vorzubereiten, zu planen und nicht zuletzt mit dem Arbeitgeber abzuklären. Denn auch wenn die Vorgesetzten in einem Pharma- und Chemie- sowie einem Telekommunikationsunternehmen natürlich darum wussten, wie hilfreich eine selbstgewählte Auszeit für ihre Angestellten und letztendlich dann auch wieder für die eigene Firma sein kann – es waren doch einige Überredungskünste seitens der fernsüchtigen Mitarbeiter gefragt, da man in beiden Unternehmen noch keine Modelle für „Sabbaticals“ entwickelt hatte. Individuelle Lösungen wurden also gesucht – und gefunden, wofür die beiden Skipper ihren Chefs und Kollegen natürlich dankbar waren. Und sind: „Unsere Motivation heute ist in etwa so groß wie der Ozean weit ist“, lacht Lars.

Drei Jahre gingen allerdings von der Idee bis zum Start der „Sabbatmonate auf See“ ins Land. Und abgesehen von praktischen Überlegungen, wer dann zuhause die Blumen gießt und die Post aufbewahrt, mussten ganz elementare Fragen beantwortet werden: Wie finanziert man eine solche Auszeit? Wie sieht es mit dem Versicherungsschutz aus, zumal im Ausland? „Umsonst gibt es das natürlich nicht“, erklärt Lars. In ihrem Fall „kostete“ es moderaten Gehaltsverzicht und Mehrarbeit auf Zeit. Dafür blieben sie angestellt und somit auch versichert. All dies musste geklärt werden, bevor man im Frühling das Telefon abstellte, den Schlüssel in der Wohnungstür herumdrehte und mit vollgepackten Koffern sowie Freunden und Verwandten in drei Autos nach Slowenien fuhr, um das Segelboot vom Typ „Bavaria 36“ zu besteigen.

Von der Reise zurückgekehrt berichten Judith und Lars bei einem Glas Rheinhessen-Riesling, den sie während ihres Trips doch etwas vermissten, angeregt von ihren Erlebnissen – was im daheimgebliebenen Zuhörer durchaus ein bisschen Neid hervorruft. Andererseits: Hundert Tage zu zweit auf engstem Raum? Wind und Wetter ausgesetzt? Ein kürzerer Urlaub, in dem morgens das Frühstückbuffet auf einen wartet und während der Ausflüge die Zimmer geputzt werden, mag angesichts solcher Unwägbarkeiten für manchen doch attraktiver erscheinen. Neidisch ist man da höchstens auf die Freunde, die Judith und Lars während ihrer Reise besuchten und ein Stück ihrer Fahrt begleiten durften. Andererseits ging es den beiden Darmstädtern ja auch nicht um pure Erholung, Strand und Dolce Vita.

Ihr mehr als dreimonatiges Kreuzen durchs Mittelmeer war einfach auch eine Reise zu sich selbst. Einen Burnout oder eine persönliche Krise hatten Judith und Lars nicht zu verarbeiten, so dass man genießen konnte, Zeit zu haben, zur Besinnung zu kommen: „Zu merken, was uns und einem selbst wichtig ist im Leben“, sagen beide. Mancher gehe den Jakobsweg, andere suchten die Einsamkeit der Wüste: „Auf dem Meer fehlt die Vielzahl von Impulsen, die einen im Alltag bestürmen“, erinnert sich Judith: „Da blickst Du einfach in die Ferne und bekommst automatisch einen Weitblick.“ Neben dem Loslassen und Abstandgewinnen hatten die beiden auch noch ein ganz praktisches Anliegen: „Wir wollten die Kunst und das Handwerk des Segelns weiter erlernen.“ Bis zum Rentenalter wollten sie damit nicht warten.

Und natürlich war dann auch der Weg das Ziel: Von Slowenien aus ging es über Istrien, Split und die Dalmatischen Inseln mit einer Adriaüberquerung nach Italien, von dort aus nach Korfu, zu den ionischen Inseln bis Ithaka, über den Golf von Patras und den von Korinth, wo man sich in Delphi ein gutes Orakel für die rund 1.800 lange Seereise geben ließ. Weiter segelte man in die Ägäis mit „Inselhüpfern“ auf Serifos, Milos und Amorgos über Samos Richtung Türkei und schließlich in den Heimathafen Kusadasi nahe Izmir und dem antiken Ephesos. Auf der Seekarte sind die einzelnen Häfen und Buchten, wo man vor Anker ging, vermerkt – für Judith und Lars ist es gleichzeitig ein Logbuch voll von Erinnerungen an traumhafte Orte, manche Flaute und stürmischen Seegang.

Neben der puren Einsamkeit, die sie miteinander in den leeren Buchten Kroatiens genossen, mussten sie auch die Geduld der Segler üben, als sie wie in Brindisi und Serifos während zwei Sturmwochen abwetterten und im Hafen festsaßen. Dann wurde eben der Landstrich erkundet und die Zeit mit anderen Seglern verbracht. Überhaupt haben Judith und Lars auf ihrer Reise wunderbare Menschen getroffen und Reaktionen erlebt, die einem zuhause vielleicht seltener begegnen werden: Wildfremde Einheimische schenkten ihnen Fisch oder Gemüse und entgegen der medialen Berichterstattung trafen sie auch in Griechenland auf die gleiche herzliche Gastfreundschaft wie in der Türkei.

Mittlerweile haben Judith und Lars schon wieder ein paar Wochen die Planken der „Bommie“ mit den Dielen ihrer Darmstädter Wohnung getauscht. Und auch wenn es auf dem Boot noch viel weniger Platz war, fühlen sich die beiden von ihren Wänden schon ein wenig eingeengt. Dafür wird jetzt sehr viel mehr Sport gemacht: Laufen, Fahrradfahren – Hauptsache an der frischen Luft! „Vor allem Schreibtisch und Bürostuhl sind ungewohnte Möbel“, lacht Lars, wobei sich die Segler freuen, wieder zu arbeiten.

Im Job fanden sich beide schnell wieder zurecht, Unlust war zum Glück kein Thema. Und sie profitieren von den Erfahrungen, die sie während ihrer Fahrt erlebten: „Wir sind weniger anfällig für Hektik“, genießt Judith eine größere innere Ruhe. Beide hoffen, dass sie diese Gelassenheit behalten. Ob sie das Boot und vor allem das Meer vermissen? „Wenn wir auf dem Balkon sitzen und den Wind in den Bäumen rauschen hören, dann fehlen uns die Wellen“, sagt Lars.

Literaturtipps

„Auszeit unter Segeln: Ein Sommer auf der Ostsee“ von Sönke Roever (296 Seiten broschiert, ISBN 3768826287, 12 Euro)

„Sabbatical auf See: Eine Familie setzt die Segel“ von Leon Schulz (320 Seiten broschiert, ISBN 3768833984, 12 Euro)

„Out of Office: Freiheit unter Segeln“ von Dirk W. Mennewisch (288 Seiten, gebunden, ISBN 3768835448, 19,80 Euro)

„Sabbaticals: Auszeit vom Job. Wie Sie erfolgreich gehen und motiviert zurückkommen“ von Barbara Hess (200 Seiten, gebunden, ISBN 3899811917, 24,90 Euro)

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