» Journal

Diese Königin wohnt unterm Dach

STADECKEN-ELSHEIM (20. Juli 2021). Orgeln stehen in Kirchen. Oder in Konzerthäusern. Hin und wieder findet man sie auch in Eigenheimen, vor allem wenn diese von Kirchenmusikern bewohnt werden. Platzbedingt sind solche Instrumente meist nicht besonders groß – Heimorgeln eben. Im rheinhessischen Stadecken-Elsheim gibt es jedoch eine, die ein ganzes Dachgeschoss für sich beansprucht: Hans-Joachim Stenger (78) beherbergt eine der größten Hausorgeln Deutschlands. Und er hat sie selbst gebaut.

„In Holland gibt es alte Kirchenorgeln, die von Privatleuten in Scheunen wieder aufgebaut wurden“, weiß der pensionierte Lehrer. Stengers Instrument hat zwei Spieltische mit je drei Manualen, Pedale, zwei beeindruckende Orgelprospekte mit hunderten Metall- und Holzpfeifen, rund 70 klassische Registerzüge von Rohrflöte über Principal, Mixtur, Gedackt oder Krummhorn bis zu den seitlich liegend angeordneten und über zwei Meter langen Subbass-Pfeifen – zu hören sind sogar Glockenspiel und Zimbelsterne, die der Klangtüftler bereits hundertfach selbst gebaut und in alle Welt verkauft hat.

Als das Ehepaar 1978 in Stadecken-Elsheim baute, war Hans-Joachim Stenger klar: Irgendwann würde hier eine Orgel stehen. 1986 begann der promovierte Pädagoge mit zwei Manualen und wenigen Pfeifen; 22 Jahre später wurde das Instrument aus West- und Ostorgel eingeweiht. Die Geschichte dieser Orgel beginnt allerdings noch früher. Bei Stenger hatte es bereits in der Jugend angefangen, in der Missionsschule im schwäbischen Haigerloch: 1957 war es dort üblich, die Schüler zur „Kartoffelkollekte“ zu schicken, um Lebensmittel für die Internatsküche zu sammeln. So klopfte der Schüler auf seiner Tour auch bei der Orgelfirma Stehle an. Fasziniert ließ er sich die Werkstatt zeigen und brachte statt Kartoffeln drei Pfeifen mit nach Hause – eine aus Metall, zwei aus Holz. Und bald schon begann im 13-Jährigen ein Wunsch zu keimen: Eine eigene Orgel wollte er bauen!

Was in der Internatswerkstatt begann, wurde in den Ferien im Keller seiner Heimatkirche fortgesetzt und nur ein Jahr nach der Initialzündung konnte der Autodidakt seinen drei Pfeifen mit einer Windlade und einem Blasebalg aus Packpapier die ersten Töne entlocken. Bei den „Kollegen“ der Firma Stehle bat Stenger nun nicht mehr um Kartoffeln, sondern um weitere Orgelpfeifen und bekam so über die Zeit 60 Stück zusammen; Holz fand sich im Kirchenkeller in Form von alten Bänken und Stühlen, Leim und Stahldraht kam vom Vater eines Mitschülers, kaum etwas musste eigens gekauft werden. 1959 war das erste Instrument fertig und erklang in jener Frankfurter Pfarrkirche, in deren Keller sie erbaut wurde. Seine zweite Orgel schuf Stenger für die Hauskapelle seiner Schule im hessischen Großkrotzenburg. Bis heute sind so ganze sieben Orgeln entstanden – eine davon steht in der katholischen Kirche St. Johannes Evangelist in Großwinternheim. Aktuell wird an einer Truhenorgel gearbeitet.

Das „Opus magnum“ ist jedoch in Stadecken-Elsheim zu hören: Eng schmiegen sich die Eichenholzgehäuse der beiden Orgelprospekte an die Dachschräge und keck blicken sechs Barockengel aus mit 24-karätigem Blattgold überzogenem Buchenholz auf einen herab. Dass hier auch gebrauchte Teile verbaut wurden, mag man angesichts der perfekten Optik kaum glauben. In das eine oder andere Teil hat Stenger natürlich investiert. Für ein Orgelregister muss man etwa 1.200 Euro veranschlagen – neu würde eine Hausorgel dieser Dimension ungefähr eine halbe Million kosten. Anderes wurde in der eigenen Werkstatt selbst entwickelt, gezimmert und gelötet, wie eine gekrümmte Orgelpfeife aus Zinn, was der Dachschräge geschuldet war. Vor allem Zeit hat Stenger in seine Hausorgel gesteckt.

Von deren „östlichem“ Spieltisch kann man beide Orgelwerke, vom „westlichen“ nur eins anspielen. Auf der Orgelbank sitzt meist Ehefrau Mechthild – die Organistin von St. Walburga in Stadecken-Elsheim hat das Privileg zuhause üben zu können. Manchmal sind auch Zuhörer anwesend, wenn bei Hauskonzerten Gastorganisten – zuweilen sogar vierhändig an beiden Spieltischen – musizieren. Mag der 1978 formulierte Traum der eigenen Orgel im Haus also mittlerweile realisiert worden sein – zu Ende ist er noch nicht, denn da ist unter anderem dieser Wunsch nach „Spanischen Trompeten“, jene waagerecht hervorstehenden Orgelpfeifen. Über der Tür würden sie hinpassen, wenn da nicht der Eingang zum Speicher wäre. Doch auch dieses Problem wird Hans-Joachim Stenger sicher noch lösen.

schreibwolff.de dankt Stephan Dinges für die Erlaubnis, seine Bilder verwenden zu dürfen! Weitere Informationen zum Kollegen finden Sie hier: https://stephandinges.myportfolio.com

zurück