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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Horst Lichter: ein Glückspilz, der die Menschen mag

„Und plötzlich guckst Du bis zum lieben Gott“ heißt die äußerst lesenswerte Biografie von Horst Lichter, den die Nation einerseits als Fernsehkoch, andererseits aber auch auf den Bühnen dieser Republik als wunderbaren Geschichtenerzähler erleben kann. Sein Leben ist ein bewegtes, voller Höhen und Tiefen, Momenten des Glücks und persönlichen wie gesundheitlichen Tiefschlägen. Nicht nur das Buch macht neugierig, diesen Menschen näher kennenzulernen.

Als ich Horst Lichter nach seinem Auftritt in der Mainzer Phönixhalle hinter der Bühne treffe, um ihn für dieses Interview zu gewinnen, stellt sich heraus, dass wir einen gemeinsamen Freund haben: „Dann bist Du auch mein Freund – ich bin der Horst“, schüttelt er mir kräftig die Hand. Wenige Tage später sitzen wir im lauschigen Ambiente seiner „Oldiethek“ in Rommerskirchen.

Schreibwolff: Du bist offensichtlich ein Genießer. Wie wichtig ist das für Dich?

Horst Lichter: Genießen kann man an jedem Tag. In jeder Situation. Irgendetwas. Und das zu lernen ist, glaube ich, das Wichtigste im Leben. Das hat nicht nur was mit Essen und Trinken zu tun, sondern schon alleine damit, wenn Du morgens im Bett alleine wach wirst und dann dieses Gefühl genießt, in diesem Bett zu liegen. Weil: Wann ist ein Bett wirklich am schönsten? Für mich gibt es zwei Varianten: Einmal, wenn ich mich abends in ein frisch gemachtes Bett legen kann, das gut duftet – das ist wunderschön! Und dann morgens, auch wenn ich früh aufstehen muss, ist dieses Gefühl wunderschön, in diesem Bett zu liegen, dieses Rumknuddeln da noch mal. Allein diesen Moment morgens zu genießen und sich zu sagen: Mann, is‘ datt schön! Dann habe ich schon das erste Mal am Tag genossen. Und dann das Frühstück: Diese Stunde, damit ich für den Tag fit bin, damit ich mich auf diese neue Welt da einlassen kann, die brauche ich, die genieße ich. Und dann suche ich mir immer Dinge, die mir gefallen. Es gibt ja genügend Dinge, die man machen muss, die jeder machen muss – zum Beispiel im Büro. Finde ich zum Kotzen, ich mag kein Büro. Aber ich habe irgendwann mal in meinem Leben gelernt, dass Du selbst die Dinge in Deinem Leben, die Du überhaupt nicht gerne magst, so gut wie möglich machen musst – dann hast Du sie schnell vom Hals und den Rest des Tages frei für andere Sachen. Beim Essen ist das genau so: Ich liebe das. Bin ja Koch. Was ich nicht so sehr liebe ist: das Kochen. Jetzt wird sich mancher fragen: Wieso datt denn? Du bist doch Koch! Du kochst doch immer im Fernsehen!? (grinst) Ich mag lieber das Endresultat. Das ist wie bei einem Maler, der das Bild schon fertig im Kopf hat und anfängt zu malen. Dieses Malen selber ist der Weg dahin. Aber wenn der nachher dieses Bild sieht, dann liebt er genau das. Das wandelt sich natürlich im Leben. Früher war für mich am Motorradfahren das wichtigste eben das Fahren, heute ist es neben dem Fahren auch das Pflegen; dieses Rumputzen an den Dingern – ich mag das, wenn die so schön werden. Es gibt so viele Dinge, die zusammenhängen: Fühlen, riechen, schmecken. Für den Genuss haben wir ja so viele Sinnesorgane. All das zusammengenommen ist wunderschön. Und wenn jetzt einer sagt: Horst, man kann aber nicht immer genießen, wenn man krank ist oder wenn man Schmerzen hat, dann sage ich: Stimmt. Aber darüber kann ich noch besser reden als die meisten anderen: Weißt Du, wie schön das ist, wenn Du mal gerade keine hast? Nur wer Schmerzen hatte, der weiß, wie gut das ist, wenn Du einen Moment hast, wo Dir nichts weh tut. Nur in dem Moment denken die Menschen eben nicht über ihren Körper nach, weil sie ihn nicht spüren – außer sie haben Sex…

Schreibwolff: Da Dich die Leute vor allem als Koch kennen, bleiben wir mal kurz am Herd stehen. Bei Dir muss es ja nicht immer die Nouvelle Cuisine sein – schließlich suchst und findest Du ja immer wieder gerade im Einfachen das Besondere. Was macht den Reiz des Bescheidenen aus?

Horst Lichter: Um die Nouvelle Cuisine zu beherrschen, musst Du erst mal das Einfache können. Du musst die Basis lernen. Wenn Du Dich gut fühlst, hast Du den Grundstock für jeden Genuss. Ein Kunstschmied muss erst mal lernen, Metall heiß zu machen, es zu schlagen, zu bearbeiten. Und erst danach entscheidet sich, ob er die Begabung hat, daraus etwas Eigenständiges, Künstlerisches zu machen. Sonst ist er nur ein Schmied. Auch Holz zu bearbeiten kann man lernen. Aber ein Möbeltischler, der ein Kunstwerk schafft, muss begabt sein dafür. Doch wenn Du Dich nur noch im obersten Level aufhältst, dann verlierst Du die Objektivität für Genuss. Jetzt gibt es Menschen, die sagen: Mein Leben ist zu kurz, um mich mit schlechten Dingen zu umgeben. Aber ist die Basis denn schlecht? Das Kochen vergleiche ich oft mit Musik. Ich habe viele Dinge kennenlernen dürfen. Und jetzt vergleiche ich mal meinen lieben Freund Johann Lafer, den ich bewundere für das, was er in der Küche kann, mit einem Musiker: Er wäre dann ein Geigenvirtuose, der perfekt spielt. Wunderbar, muss es geben. Ich bin dagegen ein Kumpel, mit dem Du Dich triffst, in der Garage. Ich hole eine Gitarre aus, die ist verstimmt. Ich fange an zu singen, zu spielen. Die Kumpels singen mit. Wir trinken ein Bierchen, vielleicht auch eins zu viel, wir haben Spaß, lachen und singen zusammen. Welchen der beiden Abende behältst Du wahrscheinlich länger in Erinnerung?

Schreibwolff: Kann eigentlich jeder kochen, der ein Rezept lesen kann oder braucht es dafür schon Talent?

Horst Lichter: Viele Menschen, die Lust am Kochen bekommen, machen den Fehler, dass sie sich ein Rezeptbuch von einem der Künstler holen. Und dann versuchen sie, ein Gericht, das auf einem Bild traumhaft aussieht und das sie vielleicht schon mal gegessen haben, nachzukochen. Und sie werden kläglich scheitern. Das liegt daran, dass sie diesen Beruf nie gelernt haben. Aber ein einfaches Rezept nachzukochen und den Erfolg dabei zu spüren, dass das geht, lässt einen weitermachen. Eine einfache Frikadelle, lecker Bratkartoffeln, ein Salätchen mit schön Balsamico-Essig – lecker, einfach, gut! Das lässt Dich Spaß daran bekommen weiter zu machen. Das nächste Mal tu ich in das Frikadellchen ein kleines Kügelchen Mozzarella rein. Und guck‘ mal wie das schmeckt! Und dann sind wir schon wieder beim Genuss…

Schreibwolff: Das Talent zum Kochen ist also ein Stück weit erlernbar. Was ist Dein Talent?

Horst Lichter: (denkt nach) Ich versuche mal zu reflektieren, was mir Menschen über mich erzählen: Man hört mir gerne zu. Warum erzähle ich gerne? Ich liebe Menschen! Ganz wenige habe ich kennengelernt, die ich auf Anhieb nicht mochte. Vielleicht ist mein Talent, mit Menschen umzugehen? Ich weiß es nicht. Ich gebe gerne ein gutes Gefühl, dass man lacht. Aber Du kannst auch einen Abend haben, wo Du etwas sehr Trauriges erzählst, wo geweint wird, aber Du danach sagst. Dieser Abend hat mir sehr gut getan…

Schreibwolff: Woher beziehst Du Deine Inspiration für das, was Du tust – sei es nun das Kochen, die Unterhaltung, kochende Unterhaltung oder unterhaltsames Kochen?

Horst Lichter: Aus dem täglichen Leben, aus meiner Vergangenheit, dem Wissen, was alles Schlimmes passieren kann. Ich glaube, ich bin einer der glücklichsten Menschen – in Deutschland sowieso. Warum? Ich darf all die Dinge tun, die mir richtig Freude machen. Ich stehe auf der Bühne, die Menschen kommen, bezahlen dafür Eintritt. Sie hören mir zu, sie lachen, sie applaudieren, sie denken nach. Ich darf im Fernsehen auftreten, ich bekomme viel zurück: Die Menschen freuen sich darauf. Wenn ich mit Menschen in Schulungen arbeite, sagen sie mir, dass ihnen das was gebracht hat. Ich durfte in fremden Ländern sein und habe Menschen kennengelernt, die wirklich arm sind. Ich war immer schon demütig, aber habe da für mich festgestellt: Wir leben hier im Paradies! Deutschland, Österreich, Schweiz – das ist das Paradies auf dieser Erde. Nirgendwo geht es uns so gut wie hier. Nirgendwo auf der Welt hast Du ein solches soziales Auffangnetz, was sicherlich hier und da auch mal falsch genutzt wird. Nirgendwo hast Du ein im Jahresdurchschnitt angenehmeres Klima: Wir haben keine extremen Überschwemmungen, keinen Tsunami; hier wächst auch alles, wir haben keine großen Dürreperioden, keine lange Regenzeit. Und um das wahrzunehmen, musst Du nur ein bisschen von dem geben, was man selber gerne hätte: Freundlichkeit, ein Lächeln, Danke und Bitte sagen. Ich maul‘ auch schon mal über das Scheißwetter, wenn ich an dem Tag eigentlich mit dem Moped fahren wollte. Aber ich finde schnell wieder auch was Nettes.

Schreibwolff: In Deinen Bühnenprogrammen bringst Du immer wieder Tausende Menschen zum Lachen. Wie wichtig ist für Dich und dein Leben das Gewürz des Humors?

Horst Lichter: Das ist das Wichtigste! Humor ist so unglaublich schön. Und wenn Du Dich mal bewusst amüsierst und sagst: Mensch, so habe ich schon lange nicht mehr gelacht – dann ist das doch eigentlich traurig. Ist es nicht traurig, wenn jemand nicht lacht? Wichtig ist, worüber man lacht. Denn ich mag nicht den Humor, bei dem man nur über andere lacht. Wenn jemand hinfällt, sieht das mal unglaublich dusselig aus. Aber vielleicht hat der sich gerade scheiße weh getan. Ich mag nicht, wenn jemand auf die Bühne geht und erst mal die ersten fünf Reihen platt macht, weil vielleicht welche zu dick sind, abstehende Ohren haben oder schielen. Das darf man nicht tun.

Schreibwolff: Wenn man Dich am Herd oder jetzt im Gespräch und nicht zuletzt hier im Ambiente Deiner Oldiethek erlebt, möchte man Dir sofort das Etikett „Lebenskünstler“ anheften. Bist Du einer?

Horst Lichter: Was ist die Definition eines Lebenskünstlers? Mir ist das erst spät bewusst geworden. Als ich so krank war und dann mit 28 Jahren beschlossen habe, meinen Laden, mein Leben zu machen, da habe ich einfach daran geglaubt, was ich vorhatte. All das, was dann schief gelaufen ist – ob das meine Kämpfe mit oder gegen Behörden waren, Umstände, Menschen, die mir mein Leben schwer gemacht haben –, ich habe nie darüber nachgedacht, dass das nicht gehen kann. Ich habe mich nie lange mit einem Problem aufgehalten, sondern immer nur nach Lösungen gesucht. Natürlich gab es immer einen Moment, an dem ich dachte: Jetzt geht’s nicht mehr weiter. Aber das war immer eine Phase, vielleicht von einem Tag. Danach habe ich aber nach einem Ausweg gesucht. Ansonsten kann man sich ja gleich in die Ecke setzen und sagen: Ich esse nicht mehr, denn ich kriege ja sowieso wieder Hunger. Warum soll ich leben? Ich sterbe ja sowieso. Ich möchte mir aber die Zeit und die Umstände zueigen machen, ohne dabei egoistisch zu werden.

Schreibwolff: Noch mal zurück auf die Bühne: Du hast eine Wahnsinns-Ausstrahlung, die unmittelbar berührt und gut gelaunt ansteckt. In Deinem Leben hattest Du aber nicht immer Grund zum Lachen. Trotzdem hat man den Eindruck, mit Dir einem bekennenden Glückspilz zu begegnen…

Horst Lichter: Ist ja auch so. Als ich meine Biografie, die Markus Lanz geschrieben hat, das erst Mal gelesen habe, da habe ich sehr viel gelacht und geweint. Und ich sage heute mit einer Distanz, die manch einen erschrecken könnte: Der Mensch, von dem dieses Buch handelt, der kann einem sehr leid tun. Aber ich tue mir nicht leid: All das, was mir in meinem Leben passiert ist, jeder Fehler, den ich selber begangen habe, jede falsche Entscheidung, meine Krankheiten – all das hat mich erst zu dem Menschen werden lassen, der ich heute sein darf. Und das ist ein unglaubliches Glück. Ich habe Verständnis für Menschen, die an Schicksalsschlägen, die ähnlich sind wie die meinigen, zerbrechen. Deswegen sind die aber nicht schwach, die ticken nur anders. Denen muss man helfen. Ich habe anderen in meinem Umfeld geholfen, als es mir schlecht ging, was wahrscheinlich für mich eine Art Therapie war. Dass ich ein Glückspilz bin, steht für mich außer Frage. Denn was ich die letzten fünf, sechs Jahre erleben durfte, was ich für ein Glück haben, erleben, kennenlernen durfte – mein Gott, das kann ja noch nicht mal ein Prozent der Menschheit! Das muss Dir immer bewusst sein. Dafür musst Du dankbar sein und Du musst was zurückgeben. Vom ersten Tag an habe ich immer geteilt und versucht, so viele Menschen wie möglich mit mir dieses Glück miterleben zu lassen. Deswegen ist es für mich auch so unglaublich wichtig und schön, auf der Theaterbühne zu stehen und meinem Publikum einen schönen Abend zu bescheren. Das ist auch ein Dankeschön.

Schreibwolff: Durch Dein unkonventionelles Naturell gibst Du der Glamour-Welt erfrischend Paroli und lebst doch auch ein Stück weit in und von ihr. Kann man in dieser Halbwelt echte Freundschaft, Glück und so etwas wie Erfüllung finden?

Horst Lichter: Ich hätte vor zwei Jahren spontan gesagt: Aber klar! Am Anfang, als ich da rein durfte, habe ich vom berühmten „Haifischbecken“ nichts gemerkt. Die waren doch alle nett! War doch alles super! Als sich dann bei mir Erfolg einstellte, kamen die ersten Enttäuschungen. Und ich musste bei manchem Supertypen feststellen: So super ist der ja gar nicht. Der war nur solange super, wo er dachte, dass ich nur so’n Flämmchen bin, jemand, der Dir begegnet. Heute kann ich sagen: Ich habe ein paar echte Freunde gefunden. Das geht auch in dieser Welt. Denn echte Freunde sind immer, egal, wo Du stehst, wie ein Stück Gold: Du kannst danach suchen, wirst es aber selten finden. Egal, ob Du reich oder berühmt bist: Ein echter Freund ist immer was ganz Außergewöhnliches.

Schreibwolff: Unserem gemeinsamen Freund gegenüber hast Du mal bekannt, Du hättest immer ein bisschen Angst, aus diesem traumhaften Dasein aufzuwachen. Was würdest Du machen, wenn tatsächlich morgen dieser Wecker klingelt?

Horst Lichter: Du, ich würde meinen Schatz in den Arm nehmen, ein bisschen schmusen und sagen: Mein Gott, was hab‘ ich einen schönen Traum gehabt. Ich würde mich mit ihr hinsetzen und diesen Traum erzählen. Ich würde sie teilhaben lassen daran, wie geil dieser Traum war. Und dann würde ich an die Arbeit gehen.

Die Besprechung von Horst Lichters Bühnenprogramm „Sushi ist auch keine Lösung“ finden Sie hier im Journal des Schreibwolff-Magazins: http://schreibwolff.de/journal/horst-lichter-live

Die Termine für das neue Programm mit dem Titel „Kann denn Butter Sünde sein?“ finden Sie unter http://www.horst-lichter.de.

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