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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Da mal vorbeischauen?

„Mehr sein als scheinen“, war das Lebensmotto von „Körling“, den man aus der „Chronik des deutschen Bürgertums“ als Walter Kempowskis Vater Karl kennt. Ähnliches hatte offenbar der Sohn im Sinn, als er „Haus Kreienhoop“ plante. Von außen wirkt es eher unscheinbar, nur ein Turm fällt auf. Innen aber taucht man ein in die Welt des geschätzten Autors: gesammelte Erinnerungen, Geschriebenes, Gelesenes, kuriose Exponate. Das „Archiv für unpublizierte Autobiografien“, aus dem sich Kempowskis einzigartiges Kompendium „Echolot“ speiste, ist mittlerweile nach Rostock umgezogen.

Man steht also im Vorgarten nordöstlich von Bremen und ein bisschen aufgeregt ist man doch auch, wenn man so bei Kempowskis vor der Tür steht. Da mal klingeln? Aber ja doch, ermuntert der Schaukasten an der Einfahrt: „Nur Mut!“ Außerdem hat man einen Termin mit Hildegard Kempowski, der Witwe des 2007 verstorbenen Schriftstellers. Es öffnet ein Herr Kempowski, der Sohn. Man wird gebeten, noch einen Augenblick zu warten.

Und schon erblickt man gelebte und lebendige, vertraute Geschichte(n): Bunzlauer Geschirr aus der Rostocker Alexandrinenstraße 81? Die kennt man doch aus dem Roman „Schöne Aussicht“? Und eine Dynamotaschenlampe? Sie kommt in „Tadellöser & Wolff“ vor, auf Seite 209. Und was liegt da? Eine Stimmgabel – eben jene, mit der Walter Kempowski als politischer Häftling im DDR-Zuchthaus Bautzen einen Chor leitete: „Die habe ich lange Zeit gar nicht bemerkt“, unterbricht Hildegard Kempowski das Studium der literarischen Requisite. Auch sie entdeckt noch immer viel im „öffentlichen Teil“ ihres Heimes.

Wer das behagliche Haus mit seinem Kreuzgang besucht, darf sich frei bewegen und hat auch nach Stunden noch längst nicht alles gesehen. Wie in seinen Büchern hat Kempowski hier eine anregende Collage geschaffen, für die er suchte, sammelte, forschte: Gemälde und Schiffsmodelle (die „Consul“!), Skulpturen, der tiefe Büchergang, das Stiftungszimmer mit dem geretteten Sternenhimmel aus Rostocks Marienkirche, die Bühne und der Saal, wo nach wie vor Lesungen und Seminare stattfinden. Namhafte Kollegen waren hier schon zu Gast: Peter Rühmkorf, Ulla Hahn, Sarah Kirsch, Siegfried Lenz oder Harry Rowohlt. Kempowski suchte stets die Nähe, den Austausch – auch hierfür steht „Haus Kreienhoop“, in den Augen seines Erbauers „ein wenig Höhle, ein bisschen Gutshaus, Schule und Kloster“.

Man selbst fühlt sich diesem Autor sehr nahe, wenn man seine Schätze besichtigt, die einem Kaleidoskop gleich Erinnerungen, Wünsche, Ziele und den Gestaltungswillen Walter Kempowskis zu bündeln scheinen. Und doch besucht man kein Museum: „Von Anfang an habe ich die Tantiemen meiner Bücher in das Haus gesteckt. Und das Haus soll eines Tages gänzlich, als Literaturhaus, der ‚Gesellschaft zurückgegeben werden‘, wie man es ausdrücken könnte. Das fröhliche Treiben soll sich fortsetzen, auch wenn ich nicht mehr Regie führe“, schreibt Kempowski 1990. Und an anderer Stelle wünscht er sich: „Jedesmal, wenn das Haus von Besuchern bevölkert wird, denke ich, es muss doch möglich sein, in diese Menschenseelen einzudringen, ihnen näherzukommen, Kontakt herzustellen?“ Genau das gelingt unmittelbar – und ein bisschen Wehmut mischt sich in die Visite, da man den Hausherrn selbst ja nicht mehr antreffen kann.

Die „Regie“ führt nun seine Frau Hildegard. Und sie ist eine aufmerksame Gastgeberin. Geduldig und gewinnend führt sie einen durchs Haus, zeigt in einer dreistöckigen Vitrine das Rostock en miniature, das ihr Mann 1975 aus Papier bastelte: das Rathaus, St. Petri, St. Nikolai, Neuer Markt, Steintor – ein „Dokument des Heimwehs“, wie er sagte. Die Hansestadt ist allgegenwärtig. Und Hildegard Kempowski bleibt indes keine Antwort schuldig, erzählt so lebendig, dass man meint, „Walting“ komme gleich um die Ecke: „Gut dem Dinge.“

Am Ende des Besuches ist man reich beschenkt: Man hat das Turmzimmer gesehen mit seinen eingemauerten Steinen der alten Rostocker Kirchen, bestaunte die Sichtachsen, die dokumentieren, wie genau die Architektur durchdacht ist – ein Spiegelbild der schriftstellerischen Akribie; und man strich über die Tasten der Schreibmaschine, auf der Walter Kempowski „Tadellöser & Wolff“ getippt hat. Von diesem Besuch wird man noch lange zehren.

Nartum liegt im niedersächsischen Landkreis Rotenburg/Wümme 30 Kilometer nordöstlich von Bremen. Der Besuch ist ausdrücklich erwünscht und kann gerne „auf gut Glück“ erfolgen. Anmelden kann man sich auch telefonisch unter 04288 438, sollte aber auf jeden Fall die Mittagsruhe von 12 bis 15 Uhr berücksichtigen. Weitere Informationen gibt es im Internet unter http://www.kempowski.de.

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